KREIS LUDWIGSBURG | 31. März 2012

Vom Kfz-Mechaniker zum Serviceleiter

Bietigheim-Bissingen – 47 Jahre bei einem Unternehmen. Solche Biografien werden immer seltener. Langeweile hatte Erich Wirth beim Autohaus Weller jedoch nie. Immer wieder bot der Betrieb ihm berufliche Perspektiven. Er wusste sie zu nutzen.

Bild: Ramona Theiss

Ein Hufeisen lehnt an Erich Wirth’s Schreibtisch. Die Öffnung zeigt nach oben. Damit das Glück nicht herausfällt, wie der Volksmund sagt. Wirth hat es von seinem Vorgänger. „Ich soll es nicht umstellen“, sagt der 61-Jährige.
Erich Wirth hatte Glück. An diesem Wochenende arbeitet er seit 47 Jahren beim Autohaus und Opel-Händler Weller in Bietigheim. Mit 15 Jahren startete er eine Lehre als Kfz-Mechaniker, damals an der Stuttgarter Straße. „Es war mein Traum, was mit Autos zu machen.“
Arbeiten an Motoren, Getriebe, Hinterachsen – nach Jahren kam der Punkt, sich weiterzuentwickeln, „bevor es eintönig wird“. Der Seniorchef riet ihm zur Meisterprüfung. Wirth absolvierte sie 1984. „Die Durchfallquote lag bei zwei Dritteln, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben richtig gelernt.“ Danach bekam er eine Stelle als Leiter der Karosserie- und Lackierarbeiten, baute diesen Bereich weiter aus, kümmerte sich als Erster im Haus um Abwicklungen mit Versicherern.
Bis ihm vor 15 Jahren sein heutiger Job als Serviceleiter angeboten wurde. Plötzlich wurde er Chef von Mitarbeitern, bei denen er einst Lehrbub war. „Aber wir haben ein gutes Verhältnis.“ Von Vorteil sei es, jede Abteilung des Autohauses zu kennen, zu wissen, wie die Leute ticken, und auch in der Praxis mitreden zu können. Zusätzliches betriebswirtschaftliches Wissen eignete er sich in Schulungen an.
Dank dieser Perspektiven habe Wirth sich nie ernsthaft Gedanken über einen Wechsel zu Konkurrenten machen müssen. Graues Jackett, schwarze Hose, brauner Teint – so sieht jeder Besucher des Weller-Hauses an der Berliner Straße 40 den dynamisch wirkenden Besigheimer in seinem komplett verglasten Büro. Dort sitzt er am Rechner, kümmert sich um Organisation, Fragen, Entscheidungen und Schulungen von Serviceberatern, behandelt Reklamationen und regelt Kulanzen mit dem Hersteller. Hierbei achtet er nach der Gewährleistung von zwei Jahren vor allem auf die Servicetreue der Kunden.
Von der Qualität der Produkte des angeschlagenen Autobauers Opel ist der 61-Jährige, dessen Lieblingswagen der Calibra ist, nach wie vor überzeugt. „Wir sind mit jedem anderen Auto konkurrenzfähig.“
Wirth hat den Wandel des 1922 gegründeten Autohauses hautnah mitbekommen: eine „spannende Entwicklung“ vom Aufschwung nach dem Umzug an die B 27 (1970), dem Boom mit Eröffnung des Verkaufshauses 1987 bis zur heutigen Größe mit 170 Mitarbeitern. Auch den Fortschritt der Fahrzeuge hat er hautnah erlebt: „Früher sind wir mit Hammer und Schraubenzieher raus, wenn ein Auto liegenblieb – und haben ihn zum Laufen gebracht. Heute fahren wir gleich mit dem Abschleppwagen hin“, erzählt Wirth mit Blick auf die zunehmende Elektronik.
Überhaupt: „Früher war alles viel ruhiger“, blickt der verheiratete Vater zweier Kinder zurück. „Die Kunden haben den Schlüssel abgegeben und gesagt: Mach’ mein Auto.“ Jahrelanges Vertrauen habe die Kontakte geprägt.
Die Zeit sei eben schnelllebiger geworden. Wirth spürt das selbst: Als er vor Jahrzehnten noch an Autos werkelte, habe er sich nie vorstellen können, dass ein kaufmännisch-theoretischer Job anstrengender sein könne. Die im Büro schaffen nix? Von wegen. „Das Mentale macht mehr kaputt als das Körperliche. Weil man nachts aufwacht und einem etwas im Kopf herumspukt.“
Auch heute als Serviceleiter sei das so. Meist bekommt er nur die unzufriedenen Kunden zu Gesicht. „Das kann stressen.“ Daher habe er ganz gezielt nach einem Ausgleich gesucht, um abzuschalten. Derzeit trainiert Wirth die Kreisliga-B-Mannschaft in Häfnerhaslach. Früher galt er in Sportlerkreisen als „regionaler Fußballheld“. Für die Germania Bietigheim spielte er in der dritthöchsten Liga.
Ein Leben ohne das tägliche Kümmern um Autos? „Die Lebensqualität wird sicher besser“, sagt Wirth und lacht.

Michael Müller
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