Geplanter Edeka-Neubau in Löchgau
27. November 2009 | Drucken | Versenden
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Stefan Holl.
Stefan Holl.
Bild: privat
LÖCHGAU

„Die Wellen schlagen immer hoch“

Die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung aus Ludwigsburg hat für die Gemeinde Löchgau die Auswirkungen des im Gewerbegebiet geplanten Edeka-Marktes analysiert. Von der emotionalen Debatte im Ort ist Geschäftsführer Dr. Stefan Holl nicht überrascht. Er weiß: Löchgau ist kein Einzelfall.

Herr Holl, Sie haben schon im Auftrag vieler Kommunen die Auswirkungen von Einzelhandelskonzepten analysiert. Schlagen überall die Emotionen so hoch wie in Löchgau?
Dr. Stefan Holl:
Die Nahversorgung stellt in vielen Gemeinden ein Reizthema dar. Hier treffen Bürgeransprüche an die Daseinsvorsorge, gewerbliche Interessen – etwa auch zur Stützung des lokalen Einzelhandels –, regionalplanerische Vorgaben und Planungsanspruch der Gemeinde aufeinander. Die Wellen schlagen immer hoch, an anderen Standorten bisweilen sogar noch höher als in Löchgau.

Wie sind Ihre Erfahrungen: Schaden große Lebensmittelmärkte auf der grünen Wiese den örtlichen Einzelhändlern?

Grundsätzlich hat der großflächige Einzelhandel hohe Frequenzen, von denen die umliegenden Geschäfte profitieren können. Große Lebensmittelmärkte bauen ihre 100 Parkplätze nicht, um den Boden zu versiegeln, sondern um eine große Kundenzahl gleichzeitig bedienen zu können. Diese kann den Euro nur einmal ausgeben; wo ein Markt nach außen verlagert wird, fehlt in der Ortsmitte zunächst ein Teil der Frequenz.
Ganz so einfach ist dann die Sache doch nicht: Viele innerörtlichen Standorte sind wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll zu betreiben. Für die größeren Anbieter ist nicht die Frage innerorts oder grüne Wiese maßgeblich, sondern welcher Standort kann wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden?
Wenn weder innerorts noch an anderem Standort ein Markt wirtschaftlich betrieben werden kann, sind die Kunden gezwungen, andere Einkaufsorte anzufahren.

Wie entscheiden andere Kommunen: Buhlen sie alle um die Discounter auf der grünen Wiese?

Grundsätzlich versuchen viele Kommunen, auch vor dem Hintergrund steigender Spritpreise und des demografischen Wandels, innerörtliche Standorte zu entwickeln. Nur müssen dort auch 5000 Quadratmeter Grundfläche zur Verfügung stehen, diese müssen bezahlbar sein und im Einvernehmen mit der umliegenden Wohnbevölkerung entwickelt werden können.

Müssen sich die örtlichen Einzelhändler überhaupt vor der Konkurrenz aus dem Gewerbegebiet fürchten?

Der Lebensmitteleinzelhandel ist heute in Baden-Württemberg zu mehr als 90 Prozent in der Hand weniger Anbieter, die Sie an den Fingern einer Hand abzählen können. Hier haben lokale Anbieter aus unterschiedlichsten Gründen kaum eine Profilierungschance. Kritisch sieht der mittelständische Handel zu Recht die Nichtlebensmittelangebote beim Lebensmitteleinzelhandel.

Mit welchen Konzepten kann der örtliche Einzelhandel gegensteuern?

Auf der Preisschiene ist der filialisierende Handel kaum zu überholen, gefragt sind Service- und Kundenbindungskonzepte und ein frischer Marktantritt.

Ist eine Kommune ohne einen großen Markt außerhalb des Zentrums überhaupt noch attraktiv?

Ich würde die Frage nicht auf den kleinräumlichen Standort beziehen. Gemeinden ohne angemessene Nahversorgung haben einen deutlichen Standortnachteil gegenüber Kommunen mit einer leistungsfähigen Handelsstruktur. Über 40 Prozent seines Budgets gibt der Verbraucher für den täglichen Bedarf aus. Das heißt attraktive Angebote und Märke halten die Kunden auch am Ort.

Wie beurteilen Sie speziell die Situation in Löchgau?

Grundsätzlich wäre ein Standort in der Ortsmitte natürlich besser. Leider gibt es dort keinen Platz. Die Entwicklungsmöglichkeiten in der Ortsmitte wurden meines Wissens umfassend geprüft. Wenn es in der Ortsmitte nicht geht, dann muss man eben den Standort am Ortsrand nehmen.
Die andere Alternative wäre gar kein moderner Markt in Löchgau.

Gespräch: Christina Kehl
» Zu Gast auf der Podiumsdiskussion