Ein neuer Supermarkt mit 1250 Quadratmetern Verkaufsfläche im Industriegebiet zieht Kunden aus der Löchgauer Ortsmitte ab und gefährdet die Existenz der dortigen Geschäfte – das befürchtet zumindest der Bund der Selbstständigen (BdS). Beim Krisengespräch am Montagabend schlugen die Wellen hoch zwischen Bürgermeister, Gemeinderäten und Einzelhändlern.
Wie berichtet hat der Betreiber des Edeka-Markts in der Löchgauer Hauptstraße angekündigt, seinen Pachtvertrag nicht mehr zu verlängern und 2011 den Laden aufzugeben. Stattdessen möchte die Handelskette im Industriegebiet einen Vollsortiment-Markt mit 1250 Quadratmetern Verkaufsfläche und rund hundert Parkplätzen bauen. Dagegen laufen die Löchgauer Geschäftsleute allerdings Sturm.
„Wenn auf der grünen Wiese ein Vollsortimenter steht, in dem es von Lebensmitteln über Schreibwaren und Blumen alles gibt: Warum sollten die Leute dann noch in den Ort fahren?“, sprach Floristmeister Eckhard Schmid aus, was auch andere Ladenbesitzer dachten, die zum Krisengespräch in die Pfarrscheuer gekommen waren. Statt einen Neubau im Industriegebiet zu erlauben, sollte der Gemeinderat lieber mit dem BdS zusammen überlegen, wie die Ortsmitte gestärkt werden könne, forderten die rund ein Dutzend anwesenden Geschäftsleute. Vor allem geärgert haben sie sich, dass sie erst vergangenen Dienstag von den Plänen erfahren haben – nachdem der Gemeinderat monatelang darüber nichtöffentlich diskutiert hat. „Hier wurde im kleinen Kreis für alle entschlossen. Wir fühlen uns vor den Kopf gestoßen“, sagte BdS-Vorsitzender Ulrich Kappl. Bürgermeister Werner Möhrer wies auf die Geschäftsinteressen der Marktinhaber hin, die die Gemeinde um Stillschweigen gebeten hatten. „Wenn bekannt ist, dass ein Geschäft schließt, bleiben die Kunden aus. Deshalb haben wir so lange wie möglich gewartet.“
Möhrer und die anwesenden Gemeinderäte quer durch die Fraktionen sprachen sich für den neuen Vollsortimenter in der Lise-Meitner-Straße aus. Für den Laden im Ort habe sich zwar ein Nachfolger angekündigt, jedoch mit kleinerem Sortiment. „Wenn das auch schiefgeht – dann haben wir gar nichts mehr“, sagte Möhrer. „Mit dem Vollsortimenter im Industriegebiet halten wir die Kaufkraft wenigstens in Löchgau.“
Trotzdem bliebe dann aber die Laufkundschaft in der Ortsmitte aus – und ohne die könnten die Geschäfte in der Ortsmitte nicht überleben, betonte Eckhard Schmid mit Verweis auf umliegende Städte. „Ich sehe die Gefahr, dass die Ortsmitte ausstirbt.“ Auch die Kunden sehen die Geschäftsleute auf ihrer Seite. Eine Umfrage bei den Besuchern der Kirbe am Sonntag habe ergeben, dass die meisten einen Vollsortimenter im Ort wünschten und keinen neuen Markt im Industriegebiet, berichtete BdS-Vorsitzender Kappl.
Die Gewerbetreibenden wollten nicht so recht glauben, dass wirklich alle Alternativen für ein größeres Geschäft in der Ortsmitte ausgelotet wurden. Das Sonnenareal kam ins Gespräch, die Erweiterung des gemeindeeigenen Ladens um umliegende Geschäftsräume. „Wir haben alles geprüft: Zu klein“, erklärte Möhrer.
Über das Edeka-Baugesuch für den Markt im Industriegebiet stimmt der Gemeinderat am Donnerstagabend ab. Ins Genehmigungsverfahren einbezogen werden muss dabei auch der Verband Region Stuttgart, der ab einer Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern neue Supermärkte genau auf ihre Notwendigkeit hin prüft. „Im Januar gab es bereits Gespräche, wir gehen davon aus, dass wir jetzt erneut hinzugezogen werden“, sagte gestern Sprecherin Dorothee Lang.
Zwischen den Zeilen appellierten Gemeinderäte und Einzelhändler am Montagabend auch an die Löchgauer Kunden. So wie Helmut Trinkner: „Viele sagen schade, wenn jemand zumacht. Aber vorher zum Einkaufen sind sie nie gekommen.“