Ludwigsburg – Einst königliche Hoffotografie, heute digitale Vielfalt: In der vierten Generation rückt das Fotostudio Gallas seit dem Jahre 1902 Menschen und Firmen aus dem Kreis Ludwigsburg ins rechte Licht.
Mit Familienbetrieben ist das so eine Sache: Kaum jemand wird zugeben, mit Nachdruck zur Wahrung der Familientradition gezwungen worden zu sein. Jan Gallas jedenfalls sagt, er hätte sich nie etwas anderes vorstellen können, als er im August 1999 den Betrieb von Vater Knut übernahm. Der wiederum musste das Fotogeschäft quasi von heute auf morgen leiten: „Mein Vater Karl starb recht plötzlich, es war ein Wurf ins kalte Wasser“, blickt Knut Gallas zurück. Er hat den Betrieb seines Vaters, der aus einer Fotografenfamilie in Westfalen stammt, an der Schillerstraße 20 über 47 Jahre lang geleitet.
Das Studio hat in seiner mehr als 100-jährigen Geschichte so manchen Wandel der Fotografie durchlebt: „Früher sind Familien sonntags von Markgröningen aus zu uns gelaufen, um sich fotografieren zu lassen“, erinnert sich Knut Gallas an Erzählungen seines Großvaters Karl Braun. Wurden einst die Glasplatten mit den – inzwischen dem Stadtarchiv übergebenen – Aufnahmen des Königs noch selbst angefertigt, ermöglicht es heute die digitale Bildbearbeitung, aus einem „normalen Mädchen ein Model zu machen“, wie Jan Gallas sagt: „Seit Heidi Klums ,Topmodel‘-Sendung sind Beauty-Fotos richtig gefragt.“
Manche Kundinnen wünschten beispielsweise eine komplette Sedcard, um sich damit bei Modelagenturen zu bewerben. Galt es im Umfeld des Krieges, Bilder von Soldaten und den zurückgebliebenen Frauen zu schießen, seien derzeit erotische Posen oder auch die einst verpönte Babybauchfotografie immer mehr gefragt.
Neben Produktfotografie, Bildern für Firmenevents oder -homepages, Imagebroschüren oder auch Plattencover sind vor allem Hochzeits- und Porträtfotografie echte Klassiker, die bis heute das Hauptgeschäft ausmachten – und für Jan Gallas auch den Reiz seines Jobs: „Der Umgang mit Menschen ist das Schöne“, so der 44-Jährige. Nach routinegeprägten Jobs wie Passfotos sehe er seine Aufgabe darin, das Individuelle des Menschen, Bildnisse herauszuarbeiten, kein „Schema F“ anzuwenden. Ein „arroganter Schnöselfotograf“ wolle er jedenfalls nicht sein. Familien würden teils über mehrere Jahrzehnte hinweg begleitet. Als Jan Gallas den Laden 1999 übernahm, wurden Digitalkameras langsam bezahlbar und brachten die nötige Qualität. Daher begann er, das Studio auf die digitale Technik umzustellen.
Heute, in den 360 Quadratmeter großen Räumen an der Kirchstraße, hat die Firma drei Studios: für Passfotos, Bewerbungen und Shootings aller Art. Kunden können die Fotos an Bildschirmen selbst mit aussuchen. Dank digitaler Technologie fertigen Gallas und sein Team – drei fest angestellte Fotografinnen, eine Kauffrau und mehrere Teilzeitkräfte – heute wesentlich mehr Bilder als früher, wo man den Kunden nur wenige Exemplare vorlegte.
Zwar verzeichne das Fotostudio stetiges Wachstum. Dennoch: In Zeiten, in denen immer mehr Hobbyfotografen bei Feiern wie Konfirmationen zur Kamera greifen, brächen traditionelle Tätigkeitsbereiche weg. Zudem würden kaum noch Filme zur Entwicklung abgegeben. Gallas reagiert mit einem Uploadservice auf der Homepage. Er setzt voll auf Hochzeitsfotografie und die Wiederherstellung beschädigter Bilder auf digitalem Wege. Zudem greift Gallas Trends auf, wie etwa derzeit Fotos als großformatige Stoffdrucke, Fotos in Glas gelasert und aufgezogene Bilder auf Schieferplatten und Acrylglas.
Jan und Knut Gallas haben den Job von der Pike auf im Familienbetrieb gelernt, inklusive Meisterprüfung. Und auch die fünfte Generation scheint gesichert. Gallas: „Mein achtjähriger Sohn hat schon erwähnt, dass er den Job toll findet.“