25. November 2011 | Drucken | Versenden
LUDWIGSBURG

Auf grauen Bändern durch die Landschaft

Es ist bis heute eines der größten Bauprojekte in Deutschland, von seinem Nimbus hat es fast nichts verloren. Die Autobahn ist ein mythologisch aufgeladenes Straßennetz, voller Geschichte, Irrtümer und Legenden. Die Ausstellung im Staatsarchiv zeigt, wie sie einst von den Nationalsozialisten, als eine Art Mega-Kunstwerk in die Landschaft gesetzt wurde.

Nein, die Deutschen sind nicht die Erfinder der Autobahn. Das waren die Amerikaner. Aber kaum jemand hat den Autobahnbau geschickter propagandistisch für sich eingesetzt als die Nationalsozialisten. Allen voran Adolf Hitler. Der Mythos, dass Hitler die Autobahnen baute und damit die Arbeitslosigkeit besiegte, hält sich bis heute.
Dass im Hintergrund des Projekts von Anfang an ein gigantischer Propagandaapparat lief, zeigt die Ausstellung „Kulturlandschaft Autobahn“ im Staatsarchiv. Der Kurator und Publizist Bernhard Stumpfhaus hat dafür über 7000 Fotos aus dem Bestand des mittlerweile aufgelösten Landesamts für Straßenwesen gesichtet. Vor zehn Jahren kamen die Bilder ins Staatsarchiv. Für die Ausstellung hat Stumpfhaus 100 Fotografien (viele aus der Region) von den 30er Jahren bis in die frühen 70er Jahre ausgewählt.
Doch was zeigen diese Bilder? Meist sind es menschenleere Aufnahmen, der frisch gebauten Trassen. Auch Brücken, Modelle oder Autobahnkreuze sind zu sehen. Sie verkörpern den Glauben an Technik und Fortschritt. Stets haben die Fotografen interessante Blickwinkel gewählt. Vor allem in den Aufnahmen aus dem Dritten Reich fügt sich die Straße erstaunlich gut in die Landschaft. So entsteht eine Beziehung zwischen beiden, die aus der heutigen Erfahrung von Dauerstau und versenkten Fahrbahnen kaum noch nachvollziehbar ist.
„Der Autobahnbau war ein Stück staatlich verordnete Landschaftskunst“, sagt Stumpfhaus. Bei den Fotos aus dem Dritten Reich wurden keine Namen der Fotografen festgehalten. Die Bilder sollten für sich selbst stehen, als gegebene Wirklichkeit, nicht inszeniert. „Deutsches Bauen und deutsche Natur sollten zueinanderfinden.“

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Die Fotos der 30er und 40er Jahre denken sich den Betrachter von außen immer mit, auch wenn damals nur ein Teil der Bilder veröffentlicht wurde. In erster Linie waren sie für Techniker und Ingenieure gedacht.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ändert sich der Blickwinkel zunächst nicht. Erst allmählich werden die Fotografien pragmatischer. Zudem tauchen bald die ersten Lärmschutzwälle auf, mehr und mehr erscheint die Autobahn als Fremdkörper, dem es nicht mehr gelingt, sich in die Landschaft zu integrieren. Und noch etwas ändert sich. Die Perspektive des Nutzers rückt in der Vordergrund. Von nun an sehen wir die Autobahn aus Sicht des Autofahrers.
Zugegeben, auch heute noch sind viele der Bilder von einer faszinierenden aber auch kalten Schönheit. „Die deutsche Landschaft ist nicht unschuldig“, sagt Stumpfhaus. Es ist gut, dass die Ausstellung daher nicht zu einer Nostalgie-Show missraten ist. Die Bilder sind in einheitlicher Größe, in strenger Folge nebeneinandergehängt und in Themenblöcke unterteilt. Texte ordnen das Gesehene ein. Dem Staatsarchiv und Bernhard Stumpfhaus ist es gelungen, dem Betrachter den deutschen Mythos Autobahn zu erklären.

Info: Die Ausstellung im Staatsarchiv am Arsenalplatz kann man bis 16. April montags bis donnerstags von 9 bis 16.30 Uhr und freitags von 13.30 bis 16.30 Uhr besuchen.
Zur Ausstellung gibt es auch ein Begleitprogramm: 10. Januar, 19 Uhr, „Reichsautobahn“, Dokumentarfilm; 7. Februar, 19 Uhr, „Der Bau der Reichsautobahn im NS-Propagandafilm“, Filmvorführung; 6. März, 19 Uhr, Autobahnkrieg, Dokumentarfilm von Thomas Schadt.

Christian Walf