9. März 2010 | Drucken | Versenden
vergrössern
Waren vor 15 Jahren noch rund 1900 Mitarbeiter bei Getrag in Ludwigsburg beschäftigt, so sind es derzeit nur noch 90 Beschäftigte.
Waren vor 15 Jahren noch rund 1900 Mitarbeiter bei Getrag in Ludwigsburg beschäftigt, so sind es derzeit nur noch 90 Beschäftigte.
Bild: Alfred Drossel
KREIS LUDWIGSBURG

Betriebsrat kämpft weiter um Getrag-Werk

Ludwigsburg/Untergruppenbach – Große Enttäuschung bei den derzeit 90 Getrag-Mitarbeitern in Ludwigsburg. Sie mussten gestern erfahren, dass ihr Standort bis spätestens Ende 2011 geschlossen werden soll. „Wir werden es nicht zulassen, dass in Ludwigsburg die Lichter ausgehen“, kündigte Betriebsratschef Joachim Plucis Widerstand gegen die Pläne des Konzerns an.

Bei einem 75. Geburtstag gibt es für gewöhnlich viel zu feiern. Zumal am Gründungsstandort des Unternehmens. Denn Getrag existiert seit 1. Mai 1935. Doch die Lust zum Feiern hat es Konzern-Chef Mihir Kotecha gestern gründlich verdorben, als er den 90 Mitarbeitern am Vormittag bei einer Betriebsversammlung das drohende Aus verkündete.
Er begründete die harten Einschnitte in Ludwigsburg wie auch am Stammsitz in Untergruppenbach und an den anderen deutschen Standorten Neuenstein (Kreis Hohenlohe) sowie Bad Winsheim (Bayern) mit den schwachen Absatzzahlen für Getriebe und Achsen und den dadurch entstandenen Überkapazitäten. Nach den Plänen des Unternehmens sollen von den deutschlandweit 2800 Stellen etwa 700 abgebaut werden.
Die deutschen Beschäftigten sollen in diesem und im nächsten Jahr auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichten. Die Tariferhöhungen für beide Jahre will Getrag komplett aussetzen. Während man in den anderen Werken die Überkapazitäten durch Kosteneinsparungen, Umstrukturierungen und Stellenabbau in den Griff bekommen will, steht dagegen Ludwigsburg mit seinen verbliebenen 90 Arbeitsplätzen erneut vor dem Aus – wie schon einmal Ende 2008. Damals wurde die Schließung durch den Abbau von 350 Stellen verhindert.
In Ludwigsburg wird für 2010 ein Produktionsrückgang von fast 50 Prozent erwartet. Daher könne „auf Dauer der Standort nicht gehalten werden“, erklärte Kotecha. Gleichwohl betonte er, mit der Belegschaft und der IG Metall in Verhandlungen zu treten, um Lösungswege zu erarbeiten.

Harsche Kritik erntet das Management von Betriebsrat und Gewerkschaft. „Die Beschäftigten sollen die Arbeitsplatzvernichtung auch noch selber zahlen durch Verzicht auf tarifvertragliche Leistungen“, kritisierte Betriebsratschef Plucis. Er verlangte, dass bestehende Verträge eingehalten werden und der Standort dauerhaft gesichert werde. Ein bereits verabschiedeter Sanierungsplan vom Januar 2009 sieht für Ludwigsburg immerhin eine Beschäftigungssicherung bis 2012 vor.
Verärgert reagiert der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ludwigsburg, Konrad Ott, auf das Verhalten des Getrag-Eigentümers Tobias Hagenmeyer. Ihn forderte er auf, „sich der Belegschaft selber zu stellen, gerade am Gründerstandort Ludwigsburg“. Die Beschäftigten rief er auf, sich gemeinsam gegen die Konzernpläne zur Wehr zu setzen. Dass Getrag den Standort Ludwigsburg aufgibt, hat für Ott vor allem auch mit dem wertvollen Areal zu tun, mit dem Getrag einen guten Preis erzielen und seine Schulden abbauen könne.
Der Getriebehersteller war durch die Autokrise in finanzielle Schwierigkeiten geraten und musste im Frühjahr unter an- derem eine Landesbürgschaft über 20 Millionen Euro in Anspruch nehmen.
2008 war Getrag in die roten Zahlen gerutscht, für 2009 war ein Umsatzrückgang von 20 Prozent prognostiziert (Umsatz 2008: 2,5 Milliarden Euro). Allerdings plant Kotecha für die Getrag-Gruppe weltweit in diesem Jahr mit einer schwarzen Null.

Hans-Dieter Wessbecher