17. März 2010 | Drucken | Versenden
KREIS LUDWIGSBURG

Dekan: Gerechtigkeit für Opfer und Strafe für die Täter

Es war schon angenehmer als heute, Priester zu sein. Beinahe täglich kommen neue Fälle von sexuellem Missbrauch an die Öffentlichkeit, in manchen katholischen Gemeinden kocht es. Dekan Oliver Merkelbach fordert „absolute Ehrlichkeit und Transparenz nach innen und nach außen“, dabei scheint das Dekanat Ludwigsburg nicht betroffen zu sein.

„Aus dem Kreis Ludwigsburg sind mir keine Missbrauchsfälle bekannt“, sagt Oliver Merkelbach, Dekan und Gemeindepfarrer in Schwieberdingen und Möglingen, der bekennt, bei jedem neuen Fall, der durch die Presse geht, „sehr erschüttert, fast gelähmt“ zu sein über das, „was da Kindern und Jugendlichen angetan wurde.
Geärgert hat sich Merkelbach über eine Statistik im Nachrichtenmagazin Spiegel, wonach die Diözese Rottenburg-Stuttgart bei der Zahl von Missbrauchsfällen bundesweit an der Spitze stehen soll. „Das ist irreführend“, sagt Merkelbach. Bei der seit Oktober 2002 bestehenden „Kommission sexueller Missbrauch“ seien seither 23 Verdachtsfälle gemeldet worden, die bis in die 60er Jahre zurückreichen. Davon seien sechs Fälle unbegründet gewesen, sechs der Beschuldigten bereits gestorben, in sechs Fällen habe es zwar keine strafrechtlich relevanten Taten, dennoch „drastische disziplinarische Maßnahmen gegeben“. Fünf Fälle landeten vor dem Richter; es gab einen Freispruch, eine Geldstrafe und drei Strafbefehle. Merkelbach: „Der Bischof sieht in der hohen Zahl ein Indiz dafür, dass die Diözese sehr sorgsam mit dem Thema umgeht und jeden Hinweis verfolgt.“
Merkelbachs Haltung ist eindeutig: „Jeglicher sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen und muss rückhaltlos aufgedeckt werden“ – auch dann, wenn dieser Prozess für die Kirche sehr schmerzhaft sei. Er habe jedoch große Hoffnung, dass „den Opfern Gerechtigkeit widerfährt und die Täter bestraft werden“.
Einen zwingenden Zusammenhang zwischen Missbrauchsfällen und dem Pflichtzölibat sieht Merkelbach nicht – schließlich komme Missbrauch auch in Familien vor. Trotzdem: Ein Verfechter der erzwungenen Ehelosigkeit ist der Dekan auch nicht: „Aus meiner Sicht könnten auch verheiratete Männer sehr gute Priester sein“.

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In Heidelberg hatten vor kurzem ein Pfarrer und ein Pastoralreferent die „Heidelberger Petition gegen den Zölibat“ verfasst und binnen weniger Tage mehrere tausend Unterschriften von Gläubigen gesammelt.
Was den Gemeindepfarrer Merkelbach besonders bedrückt, sind die Auswirkungen der Diskussion auch auf das Leben unbescholtener Gemeinden.
Beispiel Beichtgespräche, „eine hochbrisante Geschichte!“ Wenn er demnächst 70 jugendliche Firmlinge zum Gespräch bittet, wird der Pfarrer dafür sorgen, dass die Gespräche zwar unter nur vier Ohren, aber unter sechs Augen stattfinden: „Wir werden es so machen, dass ein zweiter Erwachsener Sichtkontakt hat“. Denn auch die Priester haben Angst, in falschen Verdacht zu geraten. „Es ist eine schwierige Zeit“, seufzt Dekan Merkelbach.
In den Gemeinden von Pfarrer Heinrich Klöpping, der für Steinheim, Großbottwar und Oberstenfeld zuständig ist, gab es eine obszöne Schmiererei an der Kirchenwand und eine Austrittsdrohung – diskutiert wird das Thema eher im kleinen Kreis mit dem Tenor: Missbrauch ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, der Löwenanteil der Missbrauchsfälle geschehe in den Familien und die Kirche werde zum Sündenbock gemacht.
Die Deutsche Bischofskonferenz will vom 30. März an eine Missbrauchs-Hotline einrichten, an die sich Opfer, aber auch mögliche Täter wenden können.

Andrea Nicht-Roth
» Verklemmte Sexualmoral“ muss auf den Prüfstand

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