„Nicht nur die quantitative Steigerung, sondern vor allem die Qualität der Straftaten muss uns nachdenklich stimmen“, sagt Ludwigsburgs Polizeidirektor Frank Rebholz mit Blick auf die gestiegene Zahl von Gewalttaten im Landkreis. Um 13,8 Prozent haben im vergangenen Jahr allein Delikte der schweren und der gefährlichen Körperverletzung zugenommen.
Hinsichtlich der Täter beziehungsweise Tatverdächtigen zieht sich diese Steigerung zwar durch alle Altersgruppen, gleichwohl beobachtet die Polizei mit besonderer Sorge die Entwicklung bei jugendlichen (14 bis 17 Jahre) und heranwachsenden Tätern (18 bis 21 Jahre). Von den insgesamt 9227 im vergangenen Jahr ermittelten Tatverdächtigen waren 14,2 Prozent Jugendliche und 9,8 Prozent Heranwachsende. Doch nur bezogen auf gefährliche und schwere Körperverletzung stellten die Jugendlichen einen Anteil von 25,7 Prozent. „Eine viel zu hohe Quote“, sagt Rebholz’ Stellvertreter Christian Ostertag.
„So kann es nicht weitergehen“, konstatiert denn der Ludwigsburger Polizeichef und spricht von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Grundwerte müssten besser vermittelt, Jugendlichen der Respekt vor anderen, aber auch vor fremdem Eigentum beigebracht werden. Eine weitere Erkenntnis aus dem Polizeialltag: „Vielen Tätern fehlt jegliches Unrechtsbewusstsein. Und mit der Behauptung, das Opfer habe schließlich provoziert, versuchen sich viele jeder Form der Verantwortung zu entziehen.“
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Weil diese Entwicklung nicht völlig neu ist, hat die Polizei bereits reagiert und zum Beispiel die Zahl der Jugendsachbearbeiter in ihren Reihen um zehn erhöht; Ziel ist es, in Kürze mindestens einen dieser speziell geschulten Beamten auf jedem der 20 Reviere im Kreis zu haben. Im Rahmen des Programms „Herausforderung Gewalt“ gab es im vergangenen Jahr 184 Präventionsveranstaltungen. Außerdem wurden spezielle Konzeptionen für Großveranstaltungen wie Schäferlauf, Pferdemarkt und Winzerfest erarbeitet. Dass dies nicht ausreicht, ist für Rebholz bitter: „Wir werden uns überlegen müssen, wie wir mit unseren Ressourcen noch mehr tun können.“
Eine von der Altersstruktur der Täter unabhängige Entwicklung ist die vermehrte Zahl gewalttätiger Straftaten im öffentlichen Raum, also auf der Straße, in Parks, aber auch in Bussen und Bahnen (plus 8,5 Prozent). Einen Grund dafür sieht Rebholz in einer Veränderung des Freizeitverhaltens, das sich immer mehr unter den freien Himmel verlagere und dabei vor allem in Verbindung mit Alkohol zu Konflikten führe. Nicht immer muss es dabei zu Gewalttätigkeiten kommen, allerdings wird die Polizei laut Rebholz inzwischen sehr viel schneller gerufen, wenn sich Bürger zum Beispiel in ihrer Nachtruhe gestört fühlen – auch, weil sich viele aus Angst vor aggressivem Verhalten nicht (mehr) trauen, selbst einzuschreiten.
Freilich: Wo übermäßiger Alkoholkonsum die Hemmschwelle senkt, die Gruppendynamik greift, hat es auch die Polizei zunehmend schwer. 38 Fälle von „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ gab es 2009 im Landkreis, 25 Beamte wurden dabei leicht verletzt. „In zwei Dritteln der Fälle waren die Täter alkoholisiert. Aber diese Vorfälle zeigen auch, dass der Trend zu Brutalität steigt und der Respekt gleichzeitig sinkt“, so Rebholz.