9. Mai 2011 | Drucken | Versenden
KORNTAL-MÜNCHINGEN

Unterricht im Klassenzimmer der Natur

Wie kommt die Milch in die Packung? Wie wird aus Getreide ein Laib Brot? Auf dem Schulbauernhof Zukunftsfelder lernen Kinder und Jugendliche die Kreisläufe der Natur kennen. Gestern ist die von der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal getragene Einrichtung, die zweite dieser Art im Land, mit einem Hoffest eingeweiht worden.

Am liebsten füttert Johannes die Ziegen. „Ich habe auch schon gesehen, wie kleine Ziegen geboren wurden“, erzählt der Fünfjährige stolz. Johannes dagegen mag es, die Tiere zu streicheln. Der Sechsjährige weiß Bescheid: „Bald kommen Kälbchen.“ Das Leben auf dem Schulbauernhof sei sehr abwechslungsreich, „wir können hier viele tolle Sachen machen“, sagt Samuel. Dann hat er keine Lust mehr auf Reden, er will zusammen mit Johannes, Allessandro und Leon weiter auf den großen gelben Strohballen herumtollen.
Die vier Vorschulkinder vom Korntaler Wilhelm-Götz-Kindergarten kommen immer freitags auf den Schulbauernhof. Sie haben schon selbst Butter hergestellt oder Hafer gepresst, gequetscht und daraus Haferflocken für ihr Müsli gemacht. Die Kinder fassen Hühner an und sehen, dass von ihnen die Eier kommen. Sie hacken für den Radieschenanbau Löcher in die Erde und merken, dass ein Samen wegen Trockenheit nicht aufgehen kann. „Die Kinder kapieren, welche Arbeit sie haben, bevor sie eine Karotte in der Hand halten können“, sagt Erzieherin Ina Fischer. „Uns ist es wichtig, dass die Kinder die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Pflanzen und Tieren erkennen.“
In der Natur leben und von ihr lernen – das ist das Ziel des Schulbauernhofs. „Wir wollen Kindern und Jugendlichen die Schöpfung näher bringen und sie lehren, dass der Mensch von der Natur abhängig ist“, sagt Manuel Liesenfeld, Sprecher der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal. „Wir alle sind ständig von Lebensmitteln umgeben, haben aber den Bezug zu ihrer Herstellung verloren.“ Produkte würden nur nach dem Preis bewertet, „aber sie erhalten einen höheren Stellenwert, wenn man weiß, wie viel Zeit und Pflege der Tiere es braucht, um zum Beispiel einen Liter Milch zu bekommen“.
Bis zu 40 Personen gleichzeitig können auf dem etwa ein Hektar großen Hofgelände leben: Es gibt neben der Arche, dem einem Schiff nachempfundenen Hauptgebäude mit Ställen und Büros, ein Gästehaus, in dem Schüler und Lehrer eine Woche lang leben. Immer mehr Schulklassen, erzählt Liesenfeld, würden das Angebot nutzen, fünf Tage lang auf dem seit September 2010 geöffneten Hof zu wohnen und zu arbeiten: Pro Person kostet das 150 Euro.
Die Jugendlichen werden in verschiedene Gruppen eingeteilt, „so lernen sie, im Team zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen“, meint Liesenfeld. Die Frischluftgruppe bestellt den Gemüsegarten oder die Obstplantage, sie sät und erntet. Dann gibt es noch die Küchen-, die Molkerei- und Stallgruppe.

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Jeder Schüler wechselt täglich die Gruppe: Wenn abends Milch, Butter, Brot und Karotten-Käse-Aufstrich auf dem Tisch stehen, dann hat jeder Jugendliche seinen Beitrag zu diesem Schmaus geleistet. „Die Jugendlichen sind selbst verantwortlich dafür, dass es morgens, mittags und abends eine Mahlzeit gibt“, sagt Jochen Rittberger, der pädagogische Leiter des Schulbauernhofs, „sie erleben, wie es ist, ein Essen selbst herzustellen.“
Nach getaner Arbeit sitzen die Jugendlichen abends um das Lagerfeuer oder beobachten auf dem Dach der Arche durch ein großes Teleskop den Himmel. Betreut werden die Gruppen von acht festen und weiteren ehrenamtlichen Mitarbeitern.
Das Projekt wird von vielen weiteren Helfern unterstützt: Die Investitionskosten in Höhe von zwei Millionen Euro haben Spender, Stiftungen oder Unternehmen aus der Region getragen. Die Betriebskosten sollen durch die Gebühren für die Unterkunft und durch die Unterstützung von Förderern und Freunden hereingeholt werden, die Korntaler Güterverkaufsgesellschaft beteiligt sich schon jetzt daran.
Für die Jugendlichen, sagt Liesenfeld, gehe auf dem Schulbauernhof der Unterricht weiter, „nur eben in der Natur“. An praktischen Beispielen könnten die Jugendlichen erleben, was sie in den Schulfächern Biologie, Physik oder Chemie theoretisch vermittelt bekämen, so Liesenfeld. „Vermeintlich Selbstverständliches erscheint auf dem Schulbauernhof als kleines Wunder.“

Wolf-Dieter Retzbach
» www.schulbauernhof-zukunftsfelder.de