7. Juli 2010 | Drucken | Versenden
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Zum ersten Vereinsfest boten die Mitglieder typische Spezialitäten an.
Zum ersten Vereinsfest boten die Mitglieder typische Spezialitäten an.
Bild: Holm Wolschendorf
BIETIGHEIM-BISSINGEN

Türkisches Kulturgut und ein deutsches Vereinsheim

Sie leben fast alle schon seit Jahrzehnten in Deutschland, etwa die Hälfte besitzt auch den deutschen Pass. Ihre Heimat im Nordosten der Türkei, die Schwarzmeer-Provinz Girsesun, haben sie aber nicht vergessen – und deshalb den Heimatverein Karadeniz Giresunlular gegründet.

Trotz des Namenszusatzes BW, der für Baden-Württemberg steht: Karadeniz Giresunlular gehört im Gegensatz zu vielen anderen türkischen Organisationen keinem Dachverband an, und die Mitglieder leben auch nicht nur im Südwesten.
Zum ersten Fest seit dem kürzlich erfolgten Eintrag ins deutsche Vereinsregister kamen am Wochenende auch Besucher aus Köln, Frankfurt, München und Nürnberg in die Kleingartenanlage im Bietigheimer Buch. Sie alle eint die Herkunft – auch wenn die jüngeren Mitglieder oft schon in Deutschland geboren sind. „Wir gehören in diese Gesellschaft“, sagt Vereinschef Irfan Aydemir, und sein Pressewart Yakup Elevli unterstreicht, dass Karadeniz Giresunlular keinerlei politische oder religiöse, sondern rein kulturelle Zwecke verfolge.

Das fängt mit der Sprache an: „Viele unserer Kinder sprechen türkisch mit deutschem Akzent“, seufzt Elevli. Dabei, ergänzt Aydemir, sind die Leute aus Giresun in der Türkei für ihren sehr eigenen Zungenschlag bekannt, ähnlich wie die Schwaben hierzulande. Auch die Küche hat ihre regionalen Besonderheiten: Der Stadt- und Provinzname Giresun stammt vom griechischen Wort für die Kirsche ab. Die wird in Giresun aber nicht nur süß gegessen, sondern auch in Salzlake eingelegt und mit Zwiebeln gegart – eine andernorts kaum bekannte Spezialität, die viele Exil-Giresuner aber „auch nur noch von der Oma kennen“, wie Aydemir bedauert.
Das Vereinswappen ziert neben der Kirsche auch die Haselnuss – Giresun gehört zu den weltgrößter Erzeugerregionen – und die Schwarzmeer-Kemençe, ein kurzhalsiges Streichinstrument, das im Stehen und Tanzen gespielt werden kann. Und tatsächlich steht die Kemençe neben Mundart und Küche für Karadeniz Giresunlular für die dritte kulturelle Eigenart, die der Verein pflegen und erhalten will: die Musik. In der Türkei gebe es da eine Anekdote, erzählt Elevli: Ein Offizier will herausfinden, wie viele seiner Soldaten aus der Schwarzmeer-Provinz stammen. Keiner meldet sich. Da lässt der Offizier eine Kemence spielen – und die Leute aus Giresun verraten sich, weil sie unverzüglich zu tanzen beginnen. „Ja“, lacht auch Aydemir, „wir gelten als lustige Leute“.
Allerdings ist Giresun auch eine arme, noch ganz auf die Landwirtschaft angewiesene Provinz. Deshalb will der Verein auch soziale Zwecke in der Heimat fördern, etwa Studenten unterstützen oder medizinisches Gerät nach Giresun schicken. Und in Deutschland die Integration der Deutsch-Giresuner vorantreiben, zum Beispiel durch Sprachkurse. Außerdem wünscht sich der Vorsitzende Aydemir für seinen noch jungen, derzeit 60 Mitglieder starken Verein ein eigenes Vereinsheim. Ist das nicht typisch deutsch? Ein bisschen wohl schon. Denn Aydemir und die meisten seiner Vorstandsmitglieder sind – wie Elevli beim FC Marbach – schon länger in hiesigen Vereinen ehrenamtlich aktiv. Wie sagte Elevli doch gleich zur Begrüßung? „Wir gehören in diese Gesellschaft!“ Weshalb beim Fest auch der deutsche Sieg über Argentinien vor einer Großleinwand bejubelt wird.

Steffen Pross