5. Januar 2009 | Drucken | Versenden
KREIS LUDWIGSBURG

Gentest am Straßenrand wird Routine

Neben der Überprüfung von Führerschein und Kfz-Papieren gehört auch die Abnahme des genetischen Fingerabdrucks bei Fahrzeugkontrollen im Landkreis mittlerweile zur Routine. Dies ergaben Recherchen unserer Zeitung. Die Polizei begründet ihre seit etwa acht Monaten verstärkten Versuche, Autofahrer zur freiwilligen Abgabe von Speichelproben zu bewegen, mit der Fahndung nach der Phantommörderin von Heilbronn.

Montag nach Weihnachten: Bei einer nach Polizeiangaben gewöhnlichen, von bewaffneten Polizisten gesicherten Verkehrskontrolle wird auch ein 18-jähriger Steinheimer herausgewinkt. Der junge Mann wird von den Beamten befragt, dann – wie sich rasch herausstellt: irrtümlich – einer falschen Adressangabe bezichtigt und schließlich unter Hinweis auf das Phantom von Heilbronn zur Abnahme einer Speichelprobe bewogen. Er willigt ein – weil er sich eingeschüchtert gefühlt habe, wie er unserer Zeitung hinterher sagt.
Die Polizeidirektion Ludwigsburg widerspricht seiner Darstellung in einem Punkt: Niemand werde von der Polizei zum Mitmachen bei einem DNA-Test gedrängt – die Abnahme des genetischen Fingerabdrucks im Rahmen normaler Kontrollen erfolge freiwillig und unter strikter Wahrung der rechtlichen Bestimmungen. Richtig aber sei, dass der Gentest per Speichelprobe bei Verkehrskontrollen im Raum Ludwigsburg-Heilbronn mittlerweile Routine sei. Schließlich hat die Polizistenmörderin von der Heilbronner Theresienwiese auch im Kreis ihren genetischen Fingerabdruck hinterlassen – so in Gronau und Kornwestheim. Deshalb, sagt ein Sprecher der Polizeidirektion Heilbronn, deren Sonderkommission Parkplatz die Jagd nach der unbekannten Schwerstkriminellen leitet, würden bei normalen Kontrollen auffällige Personen auch verstärkt um die Abgabe ihrer Speichelprobe gebeten.
Sollte der DNA-Test negativ verlaufen, werde die Probe umgehend vernichtet, die Daten der Überprüften hingegen blieben zeitweise in einer Negativdatei gespeichert: „Sie sind dann bei einer möglichen abermaligen Kontrolle außen vor“, so der Heilbronner Polizeisprecher. Wie viele Verkehrsteilnehmer im Kreis bisher „sicherheitsgenetisch behandelt“ wurden, kann die Polizeidirektion Ludwigsburg nach eigenen Angaben aber trotzdem nicht sagen – weil ja die Proben vernichtet würden.

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Immerhin: Da diese zum Zeitpunkt der LKZ-Nachfrage noch nicht ausgewertet worden waren, ist dokumentiert, dass allein bei der Kontrolle in Pleidelsheim 18 Genproben gezogen wurden. Und ähnliche Kontrollen finden laut Polizeidirektion „fast täglich“ irgendwo im Kreisgebiet statt. Generell eine „Fallzahl“ von um die 18 Speichelproben pro Kontrolle anzunehmen, ist indessen nach Meinung der Heilbronner Polizei nicht zulässig: 18 Tests bei einer einzigen Verkehrsüberprüfung seien „schon ziemlich viel“, die Autobahnpolizei Weinsberg etwa habe in 123 Kontrollen keinen einzigen Gentest machen lassen.
Doch wann passt ein Autofahrer überhaupt in das Täterprofil, das die Polizei an die Phantommörderin und ihre(n) Begleiter denken lässt? Das sei, heißt es in Heilbronn, sicher „weitgehend eine Sache des Näschens unserer Kollegen“. Daneben gebe es Kriterien, „über die wir nur teilweise offen reden können“. So sei bekannt, dass die mehrfache Mörderin, die äußerlich möglicherweise gar nicht als Frau identifizierbar ist, häufiger in Gartenhäusern nächtige, weshalb man sie „nicht unbedingt in einem Nadelstreifenanzug“ antreffen werde. Auch auf Landfahrer und Schausteller habe man wegen des Tatorts Theresienwiese verstärkt ein Auge.
Dass sich der 18-jährige Steinheimer in diesem, den beamteten Spürnasen an die Hand gegebenen Raster wiederfindet, ist kaum anzunehmen. Und auch seine Freude, die Polizei nach einer gentechnischen Entlastung diesmal bei vergleichbaren künftigen Erfahrungen direkt auf seinen Eintrag in der Negativdatei verweisen zu können, dürfte sich in Grenzen halten. Übrigens: Bei zielgerichteten und nicht sozusagen „nebenher“ am Straßenrand gezogenen DNA-Proben wurden im Kreis Ludwigsburg im Jahr 2008 bis Anfang Dezember 289 Personen überprüft. Im Jahr 2007 waren es insgesamt 304 Personen.

Steffen Pross