Das Buch ist spannend – und es tut weh: „Freudental ’38 – Eine Ermittlung“ spürt der Geschichte der Freudentaler Juden auf neuen Pfaden nach und kommt zu neuen Erkenntnissen. Autor ist der Ludwigsburger Journalist Steffen Pross. Am Montag hat er die „Ermittlung“ in der Ehemaligen Synagoge Freudental der Öffentlichkeit vorgestellt.
Eine Collage historischen Materials nennt Steffen Pross (er ist im „Hauptberuf“ stellvertretender Leiter der Kreisredaktion der Ludwigsburger Kreiszeitung) seine Arbeit, die auf den Quellen basiert, die auch Theobald Nebel, dem ersten Erforscher der jüdischen Geschichte Freudentals, zur Verfügung standen, aber noch weit darüber hinaus geht.
Nebel, der inzwischen verstorbene Besigheimer Lehrer, hatte bereits vor 20 Jahren die Geschichte der Freudental-Juden beschrieben. Die Erinnerungstafeln in Freudental gründen auf seinen Erkenntnissen. „Nach 20 Jahren ist es an der Zeit, neue Fragen zu stellen“, sagt Pross, zumal ihm andere Möglichkeiten der Recherche zur Verfügung standen – im Internet etwa.
In sechs Kapiteln schildert das Buch an Hand von Zeitungsausschnitten, Ratsprotokollen, Briefen, Bildern, Gesprächen, Vernehmungsakten der Spruchkammer und deren Urteilen, wie sich das Netz um die jüdischen Bürger Freudentals immer enger zog, wie die Hetze der Nazi-Presse immer hemmungsloser wurde, die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bauern, Textil- und Viehhändler immer verzweifelter, wie das jüdische Leben in Freudental schließlich in Verfolgung und Deportation erstarb.
Den Dokumenten gibt Pross durch erklärende Zwischentexte eine zwingende Dramaturgie, die den Leser tiefer und tiefer in den Alltag des Jahres 1938 hineinzieht. Da erzählt eine Margot Rubin im Juli 1997 einer Besigheimer Schülergruppe, wie sie mit ihrer Mutter Fleisch kaufen gegangen ist, bis das Schächten ganz verboten war. Da geht es im Gemeinderat um die Frage, ob die Judengasse – die heutige Strombergstraße – umbenannt werden soll und dass im Hirsch „Juden unerwünscht“ waren.
Immer schneller dreht sich die Spirale von Hetze und Gewalt und die nüchternen Texte verschärfen das Entsetzen: Der Bietigheimer Roßmarkt sei der erste „judenfreie Pferdemarkt“ in Württemberg, jubelt die NS-Rundschau und kennt keine Hemmungen: Der Jude Wertheimer habe seine Latrinengrube ausgepumpt und „die ganze Schweinerei“ aus dem „Judenabort“ in den Steinbach gepumpt, empört sich das Blatt und wird nicht müde „jüdische Ungezogenheiten“ abzudrucken – mit voller Namensnennung, versteht sich. Der „Judenlehrer“ verreise sehr viel mit dickbauchigen Aktentaschen, der Textilhändler Wertheim schleiche jeden Tag mit einem anderen Auto in die Dörfer – „die Hetze in der Zeitung war eine wirkliche Überraschung“, sagt Steffen Pross über seine Recherche.
Am Tag nach der Pogromnacht wird in Freudental die Synagoge geschändet. Es waren „koi Freudetaler“ erinnern sich später Zeitzeugen; der Schlägertrupp kam wohl vor allem aus Ludwigsburg. Was einige aber offenbar nicht hinderte, sich zu bedienen. Nein, sie habe keinen Silberbecher aus der Synagoge geholt, gab eine Frau nach dem Krieg zu Protokoll, nur einen auf der Straße gefunden.
Pross nennt die Namen der jüdischen Opfer und ihrer – wenigen – Helfer. Es gehe, schreibt er, um die Identität, die man ihnen rauben wollte. Nichtjüdische Dorfbewohner, ob Unbeteiligte, Mitläufer oder Täter sind anonymisiert – mit Ausnahme der Ortsgruppenleiter, der Bürgermeister und anderer höherer Parteifunktionäre. Im Rahmen seiner Recherchen hat Pross, ein studierter Historiker, neue Erkenntnisse zu Tage gefördert: Aus Freudental kamen nicht 14 Opfer wie angenommen, sondern 33 – bisher. Er hat sie alle am Ende des Buchs aufgelistet und sagt „darauf bin ich wirklich stolz“. Sein Ehrgeiz: Allen 33 mit einer Kurzbiografie ihre Geschichte wieder zu geben – „dem nähere ich mich langsam an“.
Denn der zweite Band der Reihe ist bereits in Arbeit und umfasst die Jahre bis 1942. Die Konsequenz aus der mühevollen akribischen Kleinarbeit ist, dass viele Angaben auf der Gedenkplatte am Rathaus nach seinen Forschungen nicht mehr stimmen und manches in der Geschichte der Freudentaler Juden umgeschrieben werden muss.
Info: Das Buch ist unter ISBN 978-3-9809962-3-5 zum Preis von fünf Euro im Buchhandel zu bestellen