Ludwigsburg – Routiniert, resolut und souverän erfüllt sie die Pforte mit Leben: Christiana Borst ist Empfangsdame beim Ludwigsburger Zahnradhersteller Gleason-Pfauter an der Daimlerstraße.
Ein Lkw-Fahrer betritt das Foyer. Flott nähert er sich dem halbrunden Empfangstisch. Darauf steht ein Schild: Frau Borst. „Sie wünschen?“ sagt die groß gewachsene, hagere Dame in einer eleganten Komposition aus weißem Kleid und rotem, tailliertem Jackett und Ohrringen. „Habe drei Paletten, wollen Sie einen Staplerfahrer anrufen?“ Sie greift zum Hörer: „Borst! Hier an Tor 1 will jemand Paletten abliefern.“ Alltag am Empfang des Zahnradherstellers. Täglich kämen bis zu 100 derartige Anfragen. Frau Borst fragt jeden, was und wohin derjenige liefern möchte.
Christiana Borst steckt in einem Dilemma: Angestellt ist sie beim Ludwigsburger Sicherheitsunternehmen WSD Karl Gailing. „Ich fühle mich aber als Gleason-Pfauter-Mitarbeiterin“, sagt die 56-Jährige. Vor acht Jahren begann sie ihren Job am Empfang des Maschinenbauers. Ihre Stelle sei ausgelagert, „weil dat billiger ist“, erklärt die gebürtige Wuppertalerin. Den Akzent des Bergischen Landes verbirgt sie nicht. 28 Jahre lang habe die gelernte Großhandelskauffrau als Sekretärin bei einer Behörde gearbeitet. „Aber hier ist es 100-mal schöner – ich identifiziere mich mit dem Job. Langweilig wird mir nie“, resümiert sie. „Hätt’ ich dat mal mit 18 Jahren gewusst.“
Eine Stunde zur Arbeit
Borst achtet stets darauf, adrett gekleidet zu sein. Eine Uniform sei bei Gleason-Pfauter nicht erwünscht. Wo Kunden aus aller Welt ein und aus gingen, sei „normale Kleidung“ angebrachter. Borst sagt, sie ziehe sich gern schön an, mag Menschen, spreche gerne Englisch und liebe es, zu telefonieren. „Der Empfang ist die Visitenkarte einer Firma, ich bin der erste Anlaufpunkt.“ Montags bis donnerstags von 7 bis 17 Uhr und jeden Freitagnachmittag. Danach übernehme „eine andere Dame vom WSD“, um 20 Uhr komme der Nachtpförtner. Borst selbst fährt jeden Tag mit Bus und Bahn aus Bietigheim-Bissingen zur Arbeit. Dabei sei sie jeweils etwa eine Stunde unterwegs.
Der Empfang bei Gleason-Pfauter ist auch für die Verteilung des Posteingangs zuständig – was Borsts morgendliche Arbeitsstunden beansprucht. Mittags kommen immer wieder Mitarbeiter vorbei und holen die Post ab, die Borst meist in braunen Laufmappen aus den vorgesehenen Fächern holt. E-Mails beantworten, auf dem PC nachschauen, wer im Haus ist, die Schranke bedienen – routiniert und mit flinker Hand wechselt Borst teils im Sekundentakt die Tätigkeit. Bis eine sechsköpfige Delegation vor ihr steht. „Die waren eigentlich erst morgen angekündigt, sowas kommt immer wieder mal vor“, sagt Borst. Jeder Gast muss sich in ein Buch eintragen, bekommt ein Besucherkärtchen angehängt und muss warten, bis Borst den Ansprechpartner ausfindig gemacht hat, der ihn dann abholt. Wenn sieben, acht Leute vor ihr stehen, die nicht angemeldet sind und auch noch kein Englisch können, werde sie schon mal nervös. „Aber nur innerlich.“ Nach außen wirkt sie souverän, geradezu cool. „Verschüchtert dasitzen kommt nicht an.“
Nette Kollegenschaft
Manchmal habe sie mit „richtigen Proleten“ zu tun: „Wenn die mir ganz pampig kommen, kann ich die höflich rauskomplimentieren.“ Dabei genieße sie das Vertrauen der Unternehmensspitze. Überhaupt: „Der Geschäftsführer ist ein ganz feiner Mann, der nimmt sich Zeit, fragt, wie’s geht.“ Hier und da werde natürlich mal ein Schwätzchen gehalten, die Kollegenschaft sei nett. Doch direkten Kontakt mit den 650 Ludwigsburger Beschäftigten habe sie nicht.
Richtig schlimme Zwischenfälle habe es bislang nicht gegeben. Doch gelegentlich will sich hinter ihrem Rücken jemand entlang der Schranke ins Betriebsgelände schleusen. „Wenn ich den erwische, wird‘s kurz böse“, erzählt Borst trocken, mit knappen Gesten. Und das, obwohl sie einen niedrigen Blutdruck habe: „Dat kommt mir bei meinem Job gerade recht.“