Das Tor zur Wirtschaft
4. September 2009 | Drucken | Versenden
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Rolf Gross behält in seiner Schaltzentrale immer die Nerven.
Rolf Gross behält in seiner Schaltzentrale immer die Nerven.
Bild: Michael Fuchs
KREIS LUDWIGSBURG

„Ohne Termin kommt mir keiner rein“

Oberstenfeld – An Rolf Gross kommt keiner vorbei. Der 68-Jährige sitzt im Pförtnerhaus von Werzalit in Oberstenfeld. Er weiß, was läuft. In dem Traditionsunternehmen ist er schon seit 49 Jahren beschäftigt.

„Ich kenn’ hier alle“, sagt Rolf Gross und lässt sich auf einem ziemlich ramponierten Rollenstuhl fallen. Der Sitzplatz ist so „zsammadruckt“, weil er rund um die Uhr in Verwendung ist. Bei Werzalit, dem Hersteller von witterungsbeständigen Bauteilen, ist das Pförtnerhaus 24 Stunden besetzt. Schließlich muss kontrolliert werden, wer kommt und geht oder wer was rein- oder rausträgt. „Wir sind auf Posten“, sagt Gross. „Auch wenn nur drei Leute im Betrieb sind.“ Derzeit hat Werzalit in Oberstenfeld 300 Mitarbeiter.
Mit Nervenstärke und Gelassenheit muss einer schon ausgerüstet sein, um den Beruf zu machen, meint Gross. Vor allem, wenn drei Lkw hintereinanderkommen und kein Fahrer deutsch spricht. Sein Blick geht zum Tor. Davor steht gerade einer vom Reinigungsdienst und winkt freundlich. Gross winkt auch und öffnet die Schranke. Er stellt aber noch jede Menge Besucherscheine aus, weist Handwerkern den Weg, ruft bei Abteilungsleitern an, um Besucher anzumelden, und händigt Pläne von dem elf Hektar großen Betriebsgelände aus. „Damit sich auch keiner verläuft.“
Da flitzt aber trotzdem einer ungestreift auf dem Fahrrad an ihm vorbei – in Jeans und rosa Poloshirt. „Das war der Chef“, sagt Gross und schmunzelt. „Den Jochen Werz kenne ich schon, als der erst eine Woche alt war.“ Sein Vater Frieder Werz habe damals den Stammhalter seinem Mitarbeiter vorgestellt, erzählt Gross. Jahrelang waren Jochen und Rolf per Du. Aber seit Jochen das Unternehmen leitet, sind sie wieder per Sie. Der Junior-Chef habe zwar das Du beibehalten wollen, aber Gross war’s nicht mehr so recht. „Was denken denn die Kunden, wenn ich den Chef duze.“
Gross nimmt den Parkplatz vor dem Eingangsbereich ins Visier, auf dem ein großer schwarzer BMW herumkurvt. Er duckt sich richtig, um die Limousine besser in Augenschein nehmen zu können. „Also, ohne Termin kommt mir hier keiner rein“, murmelt er. Schwere Sicherheitsbedenken hat er allerdings nicht. „Wir sind keine Bank, und was wir herstellen, kann ein Terrorist nicht brauchen – wo soll so einer schon einen Gartentisch aufstellen“, schätzt Gross die alltägliche Bedrohungslage in Oberstenfeld ein.
Der gelernte Maler hat schon viele Stationen bei Werzalit durchlaufen. Angefangen hat er in der Produktion. Später war er Lademeister und Versandleiter. Den Job als Fahrer des Senior-Chefs hat er besonders gern gemacht. Als er gerade mal einen Tag in Rente war, hat das Unternehmen bei ihm angerufen und gefragt, ob er den Pförtner-Posten übernehmen wolle, weil er eben alle kennt. Gross hat gerne zugegriffen. Im Pförtnerhaus fühlt er sich auch wohl. Die Einrichtung ist aus Werzalit. „Das hält ewig“, stellt Gross zufrieden fest.
Von der Zukunft des Unternehmens ist der Vater zweier erwachsener Kinder überzeugt. „Das Betriebsklima ist gut“, sagt Gross. Trotz Wirtschaftskrise und teilweiser Kurzarbeit sei die Angst der Mitarbeiter um den Job „relativ klein“.
Ihn plagt aber doch etwas: Mit ihm endet bei Werzalit die Ära der festangestellten Pförtner. Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes werden die Aufgaben übernehmen. Das macht Gross Sorgen. „Die bleiben lange blutige Anfänger, weil die hier niemand kennen.“

Birgit Ebner