Trübe Tage, schlechte Stimmung: Fast jeder dritte Bundesbürger leidet an der sogenannten Winterdepression. Wer den Blues bekommt, sollte nicht lange fackeln: Am besten sind Spaziergänge im Tageslicht – oder, wenn es denn gar nicht anders geht, zum Arzt.
Die Tage sind kurz, der Himmel grau in grau; die kalte Jahreszeit mit ihren vielen dunklen Stunden schlägt manchem Menschen schwer aufs Gemüt. Fast jeder Dritte fällt dann in ein Stimmungstief, ergab jüngst eine Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse.
Vermutlich nur in den seltensten Fällen entsteht daraus zwar eine schwerwiegende Depression. „Im klinischen Alltag kommt die Winterdepression fast nie vor“, sagt Professor Hermann Ebel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin am Klinikum Ludwigsburg. Doch wer sich über Wochen niedergeschlagen, immer müde und antriebslos fühlt und von Heißhungerattacken geplagt ist, sollte den Besuch beim Arzt nicht weiter aufschieben, rät Ebel. Denn auch eine vermeintlich harmlose Niedergeschlagenheit könne schwerwiegende Folgen haben, wenn sie lange andauert.
Was versteht man unter einer Winterdepression?
Typisch ist „die Bindung an einen festen Zeitpunkt“, erklärt Psychiatrie-Chef Ebel. Wie der Name schon sagt, tritt diese Form der Depression in der kalten Jahreszeit auf. Fachleute sprechen deshalb von einer „saisonal abhängigen Depression“ (SAD). Im Unterschied zur eher milden Winterdepression leiden Menschen bei einer schwerwiegenden seelischen Erkrankung an Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust Schlafstörungen, ständigem Grübeln und Konzentrationsschwäche. Halten die Symptome länger als 14 Tage an, rät Ebel zum Arztbesuch.
Wie entsteht das Stimmungstief in der kalten Jahreszeit?
„Das entscheidende Wissen über die Ursachen der SAD fehlt uns“, sagt Ebel. Bekannt sind aber biologische Vorgänge im Körper, die mit der dunklen Jahreszeit zusammenhängen. So bringt der Lichtmangel den Hormonhaushalt durcheinander und erschwert die Produktion von Serotonin – gern auch als Glückshormon bezeichnet, weil es zum Wohlbefinden beiträgt.
Andererseits bleibt durch die längeren Dunkelphasen der Melatonin-Spiegel erhöht. Dieses Hormon sorgt eigentlich dafür, dass wir müde werden und nachts schlafen können. Stattdessen fühlen wir uns im Winter auch tagsüber müde.
Was kann man dagegen tun?
Da die Wirkung des Lichtmangels bekannt ist, werden bei leichten Symptomen vor allem tägliche Spaziergänge im Tageslicht empfohlen, um die Serotonin-Produktion anzukurbeln. Unterstützend kann eine Lichttherapie helfen. Dabei wird in Lampen geschaut, die eine Beleuchtungsstärke (Lux) von mindestens 2500 haben. Kunstlicht in Wohnungen und Büros hat meist nur um die 500 Lux. Das reicht zwar, um zu sehen. Für unser Gehirn scheint es aber trotzdem Nacht zu sein.
Da auch beim Sport stimmungsaufhellende Hormone ausgeschüttet werden, kann Bewegung dem Seelenblues entgegenwirken. Auf keinen Fall sollte man sich unter der Bettdecke verkriechen und gar nichts mehr tun. Besser ist es, sich mit Freunden zu treffen, ins Kino zu gehen oder Ausflüge zu machen.
Unter Umständen lindern aber nur noch Medikamente mittlere bis schwere Formen der Niedergeschlagenheit. „Bei einer entsprechenden Diagnose würde ich ganz klar Antidepressiva einsetzen“, betont Hermann Ebel. Diese machten im Gegensatz zu Beruhigungsmitteln wie Diazepam nicht süchtig. Antidepressiva verhindern die Rückaufnahme von Serotonin in die Synapsen. So bleibt der Spiegel dieses Glückshormons höher – und wir fühlen uns dann hoffentlich besser.
Info: Laut dem Kompetenznetzwerk Depression, dem Kliniken und Forschungseinrichtungen angehören, leiden in Deutschland vier Millionen Menschen an einer Depression.