Die 68er sind das Sinnbild für jugendliche Revolte. Das ist lange her und es sieht eher danach aus, als würden jetzt die 69er einen Aufstand anzetteln. Menschen wie Dr. Ingo Schwytz, 69 Jahre alt – und entschlossen, sich auch mit 70 noch nicht aufs Abstellgleis schieben zu lassen.
Der Ludwigsburger Jurist ist als Rechtsanwalt aktiv, führt als MTV-Vorsitzender den größten Sportverein der Stadt und wurde erst kürzlich als CDU-Stadtrat wiedergewählt.
„Es muss endlich in alle Köpfe rein, dass man altershalber über 65 nicht automatisch zum Trottele wird“, bei solchen Sätzen kann sich Schwytz so richtig in Rage reden. Unterstützung holt er sich zum Beispiel bei der Wissenschaft. Im Max-Planck-Institut habe man herausgefunden, dass ein Siebzigjähriger heutzutage genauso fit ist wie 1960 ein Bundesbürger im Alter von 50.
„Wir brauchen ein totales Umdenken“, fordert Schwytz, der in einem weiteren Ehrenamt der Senioren-Union vorsitzt. Obwohl die zur CDU zählt, kann sich Schwytz mit einem SPDler anfreunden, wenn es um die Einschätzung des entscheidenden Politikthemas geht. „Ich halte es mit Altbundeskanzler Schmidt in dem Urteil, dass nicht die Wirtschaftskrise das größte Problem ist, sondern dass unser Umgang mit dem demografischen Wandel das wirkliche Krisenszenario darstellt.“
Die Gesellschaft könne es sich nicht mehr leisten, „dass man ab Mitte 50 für alles Mögliche zu alt sein soll“. Die Generationen 60 Plus und 70 Plus: Bestens ausgebildet, willig, erfahren, gut situiert – für Schwytz ein gewaltiges Potenzial und eine große Herausforderung zugleich.
Potenzial für eine Gesellschaft, der immer mehr der Nachwuchs fehlt. „Wir müssen die Alten mehr in die gesellschaftliche Aktivität zurückholen, müssen sie neu anzapfen.“ Die einen müsse man nur machen lassen, die anderen fordern. „Der immerwährende Urlaub macht geistig und körperlich träge“, misstraut Schwytz dem Ruhestand.
Eine Herausforderung sieht der CDU-Mann für die Politik, die sich mehr den Bedürfnissen dieser dynamischen Alten annehmen sollte. Und die auch dann handeln müsse, wenn die ältere Generationen geistig zwar fit, aber doch mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen habe. „Gehwege absenken, öffentliche Flächen besser ausleuchten, mehr zumutbare öffentliche WC“, fordert der Stadtrat Schwytz.
Er ist zuversichtlich, dass sich dafür Mehrheiten finden lassen. Die Ludwigsburger Wähler haben im Juni dieses Jahres bei der Gemeinderatswahl schon mal kräftig auf die älteren Semester gesetzt. Zehn der 40 Stadträte sind über 65 Jahre. Im vorhergehenden Gemeinderat war diese Fraktion nur sechs Köpfe stark. Und nach der Wahl 1999 zählte sie sogar nur zwei Politiker.
Die Gruppe der 69er wird immer stärker, im Gemeinderat, in Ludwigsburg, im ganzen Land. „Wir erleben den historischen Moment, in dem über einen langen Zeitraum mehr Alte als Junge leben.“