ERDMANNHAUSEN | 13. März 2009

„Das hätte ich nie für möglich gehalten“

Betroffenheit über den Winnender Amoklauf auch in der Gemeinde Erdmannhausen: Täter Tim K. war lange Jahre im örtlichen Tischtennisverein aktiv, seine Eltern gehörten sogar einmal dem Vorstand an. Bürgermeister Lutz Schwaigert hatte Tim bei der Sportlerehrung im Februar 2005 noch die Medaille der Gemeinde überreicht.

Archivbild: M. Fuchs

Das Telefon von Eckehard Weiß, Jugendleiter und stellvertretender Vorsitzender des Tischtennisvereins Erdmannhausen, steht nicht mehr still, und dabei sollte er nach seiner Arbeit auf dem Großmarkt auch mal ausschlafen. Doch Journalisten aus dem In- und Ausland rufen ständig an.
Schließlich hat Weiß den 17-Jährigen einige Jahre als Sportler erlebt und Erfolge mit ihm gefeiert. Das Elternhaus in Leutenbach kennt er ebenfalls gut, mit seinen Tischtennisjungs war er hier schon zum Kaffee eingeladen. Die Buben hätten dann in der Garage Tischtennis gespielt oder sie seien in den Hobbykeller gegangen, wo eine Modelleisenbahn aufgebaut gewesen sei, der ganze Stolz des Vaters. Im Keller befand sich laut Weiß auch der Waffenschrank. „So oft ich dort war, war der Schrank immer abgeschlossen, der Vater hat stets darauf geachtet“, berichtet Weiß. Er habe zwar gewusst, dass der Vater Sportschütze ist, das Schießen sei jedoch nie Thema bei Gesprächen gewesen, und auch Waffen habe er nie zu sehen bekommen.
Mit elf Jahren kam Tim K. zum Tischtennisverein Erdmannhausen (TTV). Er war vom Leutenbacher Sportverein gewechselt. „Es gefiel ihm, dass wir einen hauptamtlichen Trainer hatten“, sagt Weiß.
Und der Kroate Marko wurde Weiß zufolge Tims Idol. Die Eltern seien ebenfalls oft beim Training sowie bei Turnieren dabei gewesen und hätten sich schließlich auch einige Zeit lang im TTV engagiert. Die Mutter als Kassiererin und der Vater als stellvertretender Vorsitzender. Tischtennis war laut Weiß Tims große Leidenschaft, die Weltrangliste habe er stets auswendig heruntersagen können.
Und in der Sportart feierte er auch Erfolge. Er war Bezirksmeister und württembergischer Ranglistenspieler, er trainierte mehrmals in der Woche, erhielt auch Einzel- sowie Kadertraining. Bei mehreren Sportlerehrungen in der Halle auf der Schray in Erdmannhausen wurde ihm die begehrte Medaille der Gemeinde überreicht, und Tims Mannschaft zeigte dann auch bei Schaukämpfen auf der Bühne, was sie drauf hat.
Bis er 15 Jahre alt war, spielte Tim K. in Erdmannhausen aktiv, dann kam der Bruch. Als der kroatische Trainer in seine Heimat zurückkehrte, verließ auch Tim den TTV. Er habe das aber nicht im Groll getan, überhaupt sei Tim immer ruhig, ausgeglichen und nie nachtragend gewesen, erinnert sich Eckehard Weiß. Eigentlich kann er nichts Nachteiliges erzählen, nur eines: Tim habe die anderen schon spüren lassen, dass er der bessere Spieler sei. „Da war er schon mal von oben herab“, so Weiß.
Nach seinem Weggang aus Erdmannhausen wechselte Tim nach Fellbach-Oeffingen, wo er aber nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte. Jugendleiter Eckehard Weiß hat Tim und seine Eltern schließlich aus den Augen verloren, man habe keinen Kontakt mehr gehabt, erzählt er.
Als er am Mittwoch vom Amoklauf in Winnenden hörte, habe er nicht im Entferntesten daran gedacht, dass er den Täter kennen könnte. Erst als ihn der erste TV-Sender angerufen habe, sei ihm klar geworden, dass es sich bei dem Amokläufer um einen seiner ehemaligen Tischtenniscracks handle. „So etwas hätte ich nie für möglich gehalten“, versichert er. Das Training am heutigen Freitag wird beim TTV sicher anders ablaufen. „Wir werden dann wohl mehr reden als Tischtennis spielen“, sagt Eckehard Weiß.

Angelika Baumeister
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