LUDWIGSBURG | 06. März 2009

„Der Fernsehzuschauer will überrascht werden“

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Das wusste schon der französische Schriftsteller Victor Hugo. Mächtig war auch die Idee, die Dirk Eisfeld im Frühjahr 2007 hatte. Er wollte eine tägliche Serie produzieren, die sich abhebt vom üblichen Liebesgeschichten-Sammelsurium. Damit traf er den Nerv der ARD-Programmmacher. Denn kurz darauf hatte Eisfeld mit seiner Firma Rubicon den Auftrag für die neue Vorabendserie des Senders in der Tasche. Produziert wird „Eine für alle“ komplett in Ludwigsburg. Für die Serie ein Glücksfall, wie Dirk Eisfeld LKZ-Redakteurin Katja Sommer erzählt hat.

Bild: Alfred Drossel

Herr Eisfeld, drohende Arbeitslosigkeit und Existenzängste – sind das die richtigen Themen für eine Vorabendserie?
Dirk Eisfeld:
Lassen Sie mich das Pferd anders herum aufzäumen: Es gibt zahlreiche tägliche Serien, die ein Melodram erzählen. Reine Beziehungsgeschichten – meist nach dem Aschenputtel-Prinzip. Ich habe mich gefragt: Mach’ ich das noch mal? Aber mehr als ein Aufguss wäre das nicht gewesen. Ich wollte Neues probieren. Etwas, das die Leute bewegt, sie abholt. Etwas, das sich echt anfühlt. Und keinen rein märchenhaften Ansatz hat.
Wann war sie da, die Idee für die neue Serie?
Das sammelt sich. Fragmente setzen sich zusammen. Seit April 2007 arbeite ich als Produzent, da entwickelt man permanent Ideen. Und Irgendwann war dann die Frage da: Was wäre, wenn ich einfach eine Arbeiterin nehme? Eine Frau, die sich ein Herz fasst. Und die Idee, sie stimmte einfach, stimmte im Kern. Wenn man von einer Idee so angefixt ist, dann bekommt sie eine immense Kraft.
Haben Sie überhaupt keine Angst, dass die Leute wegzappen, weil sie sich in ihrer Freizeit nicht auch noch mit ernsten Themen beschäftigen wollen?
Wir bauen Figuren, die sich dem entgegenstellen, die sich ihrem Schicksal nicht fügen, sondern es in die Hand nehmen – mit einer Portion Mut und einer ordentlichen Portion Humor. Und, wir halten Ideale hoch: Freundschaft, Familie, Heimat. Das ist den Leuten heute wichtig. Dann finden Sie sich wieder in der Serie, die dann auch ein volles Maß an Trost bieten kann.
Ihre Hauptzielgruppe?
Frauen – wie den vier Hauptdarstellerinnen, allen voran Lilli. Sie ist eine gestandene Frau, glücklich verheiratet, mit zwei fast erwachsenen Kindern. Dieses Idyll will sie bewahren – deshalb mobilisiert sie ihre Kräfte. Und sie tut das am wenigsten für sich.
Nimmt man ihr das ab?
Ja! Wir zeigen normale Menschen in normaler Umgebung, keine rein eskapistische Folie. Nur so schaffen wir möglichst viele Identifikationspunkte.
Wie hoch liegt die Latte nach ihrem letzten Mega-Erfolg „Verliebt in Berlin“?
Da muss man schon sehr hoch gucken, aus unterschiedlichsten Gründen. Da ist zum einen der eigene Anspruch. Es ist nicht einfach, selbst zufrieden zu sein. Zum anderen ist da der hohe Anspruch der ARD. Hinzu kommt: Bei „Verliebt in Berlin“ wussten wir, dass das Format funktioniert. Es war ja eine Kopie aus Kolumbien. Bei „Eine für alle“ ist der große Bogen jedoch nicht vorgegeben. Es ist ein kompletter Gang ins Unbekannte. Es ist mit Abstand das Schwierigste, was ich je gemacht habe.
Die ersten fünf Folgen sind fertig: Wie geht es Ihnen?
Das Ergebnis ist toll! Doch es war ein harter Prozess. Es gibt sie, diese Momente abgrundtiefer Verzweiflung. Aber nach einer Woche im Schnitt schälte sich die Seele des Formats heraus. Die Schauspieler sind der Hammer! Hut ab! Da steckt ganz ganz viel Liebe und Energie drin. Das wiederum spricht für die Richtigkeit der Idee und des Konzepts. Und ich hoffe, dass sich das dann auch am Bildschirm überträgt.
Wie ertragen Sie diese Ungewissheit? Noch weiß niemand, wie die Serie beim Zuschauer ankommt?
Mit Serien erfolgreich zu sein ist die Ausnahme, nicht die Regel. Man braucht eine unglaubliche Leidenschaft, Euphorie. Das allerdings ist nicht möglich, wenn jeder nur Dienst nach Vorschrift macht.
Egal, was man macht, man muss jeden Tag das Beste geben. Das gilt für jeden Einzelnen im Team. Aber auch ich habe keine Ahnung, wie es mir einen Tag nach Sendestart gehen wird. Wenn wir mit unserer Arbeit, dem Ergebnis zufrieden sind, feiern wir mit allem, was dazugehört – egal wie die Quote ausfällt.
Spornt die Ungewissheit das Team nicht auch an? Frei nach dem Motto: denen zeigen wir’s!
Wem will man’s zeigen? Das ist wie Golf – da spielt man auch nur gegen sich selbst. Der Zuschauer, das ist eine amorphe Masse. Nur ein Drittel der Bundesbürger schaut fern. Wenn sich nur ein Zehntel von diesem Drittel für uns entscheidet, dann sind wir glücklich.
Doch am Sendeplatz – um 18.50 Uhr in der ARD – ist schon so mancher gescheitert . . .
Was der Zuschauer um diese Uhrzeit braucht, ist vor allem Konstanz, eine Heimat. Vergleichen Sie das Fernsehen doch mal mit Ihrem Wohnzimmer: Sie müssen sich wohl fühlen. Hat jemand das Sofa verrückt, andere Bilder aufgehängt oder die Fernbedienung umprogrammiert, tun sie das nicht mehr. Eine tägliche Serie ist immer ein Langstreckenrennen. Der Erfolg mit „Verliebt in Berlin“ war einmalig, diesen Anspruch sollte man sich nicht stellen. „Eine für alle“ ist ein anderes Format, wir nehmen den Zuschauer sehr ernst. Die Geschichte von Lilli hätte ich bei einem Privatsender so nicht erzählen können.
Aber haben Sie nicht doch ein klein bisschen was von „Verliebt in Berlin“ abgekupfert: Etwa den Kiosk, als Treffpunkt der Freundinnen um Lilli?
Nein. In einer Serie muss es öffentliche Orte geben, an denen sich die Wege vieler kreuzen. Das ist naturgemäß ein Restaurant, das ist naturgemäß ein Kiosk.Das Vorbild von „Mimmi’s“ hat einer unserer Ausstatter am Bonday Beach in Australien entdeckt: Eine Mischung aus Coffeeshop und Buchhandlung. Das ist kein Standard-Set, das ist ein individueller Laden.
Standards mögen Sie nicht?
Standards langweilen. Der Zuschauer mag keine Standards, er will überrascht werden.
Wie viel Platz bleibt für Kreativität? Schließlich wird eine tägliche Serie wie am Fließband produziert.
Wir müssen kreativ sein. Klar, der Zeitdruck ist immens. Aber auch Diamanten entstehen nur unter Druck. Der Anspruch ist hoch. Der Ansporn allerdings auch. Es ist wahrlich keine Kaffeefahrt, die wir hier machen.
Sie haben das erste Drehbuch einstampfen lassen. Was hat Ihnen daran nicht gepasst?
Wir haben noch viel mehr einstampfen lassen! Das Pilotbuch lag vor uns. Es hat sich fantastisch gelesen, temporeich, witzig. Doch schnell stand fest: Damit fahren wir den falschen Kurs. Lilli war damals die alleinige Hauptfigur. Jetzt spielt das Freundinnen-Quartett um Lilli eine viel größere Rolle.
Aber: Wir konnten Anfang November trotz des großen Zeitdrucks nicht die Augen zu machen, uns in die Tasche lügen. Auch wenn uns das sehr viel Zeit und sehr viel Geld gekostet hat: Es war der richtige Schritt.
Und warum wurde aus Biggi letztendlich dann doch noch Lilli?
Der Titel „Biggi der Boss“ hat einfach nicht mehr gepasst. Es dreht sich nicht mehr alles um die eine Hauptdarstellerin, sondern das Freundinnen-Quartett steht im Mittelpunkt. Bei der Entscheidung über Namen und Titel sind viele Menschen beteiligt und da sind die Geschmäcker eben verschieden und man kann nicht jedem gerecht werden.
Wie gefällt Ihnen jetzt der Titel?
„Eine für alle“ gefällt mir sehr gut. Den Zusatz „Frauen können’s besser“ lass’ ich als Mann mal unkommentiert.
Würde die Serie auch mit Männern in den Hauptrollen funktionieren?
Nein! Hauptfiguren in täglichen Serien müssen immer Frauen sein. Denn Frauen identifizieren sich in erster Linie mit Frauen. Und: Frauen haben die Fernbedienung in der Hand.
Warum ist Ludwigsburg genau der richtige Ort, um die Serie zu produzieren?
Wir erzählen eine Mittelstandsgeschichte, die drängte hierher. Und: Der Sender wollte, das wir in Baden-Württemberg produzieren. Das ist alles andere als unkompliziert, die Spezialisten für ein tägliches Format mussten wir aus ganz Deutschland hier zusammenführen. Aber es hat auch viele Vorteile.
Die da wären?
Wir können Landschaftsbilder zeigen, die so in einer täglichen Serie noch nie zu sehen waren. Die Gegend hier ist nicht verbraucht – im Gegensatz zu Berlin oder Köln, wo die Menschen es satt haben, ständig auf Dreharbeiten zu stoßen. Hier sind die Menschen noch fasziniert, wenn sie ein Fernsehteam treffen. Und: Wir sind mit offenen Armen empfangen worden. Es ist mir noch nie passiert, dass mich ein Oberbürgermeister anruft, mich zum Mittagessen einlädt und fragt: „Herr Eisfeld, was können wir für Sie tun?“
Und was könnte OB Spec für Sie tun?
Klar ist: Wir möchten hier langfristig produzieren. Das bedeutet, dass wir über kurz oder lang eine zweite Studiohalle brauchen. Da werden wir leider nicht drumrum kommen. Die Ausstatter arbeiten jetzt schon abends und am Wochenende, um die laufenden Dreharbeiten nicht zu stören. Das wird auf Dauer nicht funktionieren. Aber auf diesen Kompromiss haben wir uns erst einmal eingelassen. Doch havariesicher wird die Produktion nur mit zwei Studios.
Sie persönlich sind mittlerweile auch in Ludwigsburg angekommen?
Ja – ich wohne nicht mehr im Hotel, sondern im 13. Stock des Marstall-Centers. Da schwebt man über den Dingen. Das Tolle an Ludwigsburg ist ja: Man fällt dreimal um und ist an jedem Ort. Und: Im Sommer kaufe ich mir ein Fahrrad.

Neue LKZ-Serie:
Das Interview mit Dirk Eisfeld ist Auftakt einer neuen LKZ-Serie. Bis zum Sendestart am 20. April erklärt die LKZ, wie die Serie „Eine für alle“ in der Weststadt entsteht.

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