LUDWIGSBURG | 26. September 2008

„Die Geschichte ragt auch in unsere Zukunft“

„Es gibt keine Zukunft, ohne dass man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt.“ Das ist die Überzeugung von Bernd Kreß. Seit zwei Jahren führt der Esslinger Lehrer Schulklassen durch das Bundesarchiv, die Zentrale Stelle und das angrenzende Schorndorfer Torhaus. Die Schüler sollen dabei begreifen, was die Vergangenheit mit ihrem eigenen Leben zu tun hat.

Bild: Alfred Drossel

Erste Station ist die kleine Ausstellung im Schorndorfer Torhaus. Für diesen Tag hat sich eine Abiturklasse der kaufmännischen Schule I aus Stuttgart angemeldet. Bernd Kreß gibt den Schülern eine Einführung in die Arbeit der Zentralen Stelle. Dazu gehört ein Blick auf die Verbrechen und die Täter. Was haben die Einsatzgruppen in Osteuropa gemacht? Wie liefen die Vergasungen ab? Warum wurden die Männer, die aktiv an der Vergasung beteiligt waren, wegen Mordes verurteilt und nicht wegen Totschlags? Fragen, auf die Bernd Kreß gemeinsam mit den Schülern Antworten erarbeitet.
Die Schüler bekommen Zeugenaussagen zu lesen. Ein Beschuldigter schildert darin, wie die Vergasungen abliefen. „Warum hat sich niemand gewehrt?“, fragt ein Schüler. „Warum haben die Todgeweihten keinen Widerstand gegen ihre Vergasung oder die Erschießung geleistet?“ Bernd Kreß versucht eine Erklärung: „Sie waren demoralisiert.“
Die Räume des Bundesarchivs und der Zentralen Stelle in der Schorndorfer Straße 58 sind kein Museum und keine Gedenkstätte. Es gibt auch keine Vitrinen, die Hinterlassenschaften von NS-Verfolgten zeigen. Trotzdem hat sich das Gebäude zu einem außergewöhnlichen Lernort für die NS-Geschichte entwickelt. Die Führungen richten sich an Schüler ab der siebten Klasse. Zurzeit geht das allerdings nur mittwochs. Die anderen vier Tage unterrichtet Bernd Kreß selbst an einer Schule.
Im Vorfeld jeder Führung wird mit dem jeweiligen Klassenlehrer der Wissensstand der Schüler abgeklärt und ein fachlicher Schwerpunkt gesetzt. Je nach Bedarf kann Bernd Kreß die Führung dann anders gestalten: Holocaust, Vernichtungskrieg, Euthanasie, Rechtsstaat, Ethik, Religion, Nationalsozialismus, Quellenarbeit – das alles kann zum Schwerpunkt werden.
Zweite Station für die Schüler aus Stuttgart ist die Außenstelle des Bundesarchivs. Hier Lagern zahlreiche Akten zu NS-Verbrechern. Mitarbeiter zeigen den Schülern, wie die Recherche am Computer und der Zentralkartei funktioniert, wie man an die richtigen Akten herankommt. „Für Akten interessieren sich eigentlich alle“, sagt Bernd Kreß. „Die sind für die Schüler etwas authentisches.“
Laut Kreß sollten Schüler immer wieder mit unserer NS-Vergangenheit konfrontiert werden. „Viele winken bei dem Thema schon ab. Sie glauben, dass sie etwas wissen“, sagt er. Doch genügend Schüler würden lediglich einzelne Fakten ohne Zusammenhang kennen.
Für Bernd Kreß liegt der Ansatz aber jenseits reiner Wissensvermittlung: „Die zentrale Frage für alle sollte sein: Was hat diese Vergangenheit mit uns heute zu tun? Die Schüler sollen verstehen, warum sie sich damit auseinandersetzen“, so Kreß. „Die Geschichte ragt nicht nur in die Gegenwart hinein, sondern auch in unsere Zukunft“, sagt er. Das hohe Niveau der Auseinandersetzung mit Geschichte in Deutschland habe eine Vorbildfunktion für andere Länder. „Auch deshalb sollten wir damit weitermachen“, sagt Kreß. Und Deutschland könne mit der detaillierten Aufarbeitung zeigen, dass Gründlichkeit und Genauigkeit auch positiv besetzte Begriffe sein können.
Als letzter Teil der Führung wartet auf die Schüler eine praktische Aufgabe. Anhand von Zeugenaussagen sollen sie konkrete Schicksale von Opfern sowie Täterprofile erarbeiten und an einer Tafel präsentieren. Auch das gehört zu jeder Führung durch das Archiv.
Zum Schluss werden die Schüler nach ihrer Meinung zu diesem Programm befragt. „Eigentlich habe ich nicht viel erwartet“, sagt einer. „Ich dachte wir werden in irgendwelchen Akten graben. Dass alles hier einen so engen Bezug zur Geschichte hat, habe ich nicht gewusst“, meint er weiter. „Es ist wichtig, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen, auch wenn die Täter bald alle gestorben sind. Man muss über all das Bescheid wissen“, sagt ein anderer.
Viele äußern, dass sie hier einen anderen Blickwinkel auf das Thema gefunden haben.

Christian Walf
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