18. April 2008

„Fühle mich in Deutschland integriert“

Es hätte auch alles anders kommen können. „Wenn ich nicht so hungrig auf eine Ausbildung gewesen wäre, würde ich heute unter der Brücke schlafen“, sagt Asuman Karabulut. Die 36-Jährige türkischer Herkunft stand nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes alleine mit zwei Kindern da. Und nahm ihr Leben erfolgreich in die Hand.

Bild: Alfred Drossel

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ja!“ sagt Asuman Karabulut klipp und klar auf die Frage, ob sie sich in die deutsche Gesellschaft integriert fühlt. Sie sitzt in einem Besprechungsraum der Deutschen Bank an der Myliusstraße: Eine selbstbewusst wirkende Frau im schicken Nadelstreifenblazer, die gewählt und fließend Deutsch spricht.
Seit 1999 arbeitet Karabulut in dem Kreditinstitut, wo sie inzwischen zur Senior-Beraterin aufgestiegen ist: „Der Job macht mir großen Spaß, auch weil ich mit vielen verschiedenen Menschen zu tun habe.“ Asuman Karabulut ist eine Frau, die ihr Leben erfolgreich meistert. Dass es so gekommen ist, war jedoch nicht selbstverständlich.
Ihre Eltern, die Ende der 60er Jahre aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren, legten zwar Wert darauf, dass die sechs Geschwister voll am Leben der hiesigen Gesellschaft teilnahmen – also Kindergarten und Schule besuchten, perfekt Deutsch lernten. Auch den Wunsch ihrer Tochter Asuman, eine Ausbildung zu machen, unterstützten sie grundsätzlich.
Doch nach dem Realschulabschluss 1989 wurde die 17-jährige Asuman mit einem ein Jahr älteren Mann verheiratet. „Ich fand das damals in Ordnung, kannte den von meinen Eltern Auserwählten schon aus Kindertagen“, erinnert sie sich. Aber heute findet sie: „Wir waren einfach viel zu jung – ich hoffe, dass meine Kinder sich mehr Zeit damit lassen.“
Das Thema Ausbildung rückte in weite Ferne. Karabulut zog mit ihrem Mann von Leipheim an der Donau nach Ludwigsburg, bekam einen Sohn, war einzig und allein Hausfrau – so wie es in dem Kulturkreis, in dem ihre Eltern aufgewachsen waren, zum guten Ton gehörte. Doch: „Der Wunsch, einen Beruf zu erlernen, ließ mich nicht los.“ Dann, eines Tages im Jahr 1992, beschloss die junge Frau, die Sache anzugehen.
Zunächst ließ man sie beim Arbeitsamt abblitzen („Was, mit 21 Jahren und einem Kind wollen Sie noch eine Ausbildung machen?“), aber beim zweiten Mal wurde sie gut beraten. Und begann 1993 eine zweijährige Umschulung zur Groß- und Einzelhandelskauffrau.
Trotz der Unterstützung ihrer Eltern kam sie immer wieder in Erklärungsdruck: „Meine Schwiegereltern konnten nie nachvollziehen, dass ich als Frau berufstätig sein will.“ Doch sie ließ sich nicht beirren. Bis zur Geburt ihrer Tochter 1996 arbeitete Karabulut beim Unternehmen Hugo Häffner in Asperg.
Nach der Elternzeit bekam sie dort keine adäquate Stelle mehr. Ein Schild „Wir stellen ein“ des Kreditinstitutes an der Myliusstraße verleitete die junge Frau, sich dort zu bewerben. Mit Erfolg. Im Service fing sie an, übernahm bald die Hauptkasse. Und begann nebenher eine Ausbildung zur Bankkauffrau, die sie 2003 erfolgreich abschloss.
„Ein Glück, dass ich das gemacht habe“, sagt Karabulut heute. Denn im Oktober 2004 kam ihr Mann überraschend ums Leben. „Ohne meinen Job wäre ich ein Fall fürs Sozialamt geworden“, meint sie. Jede Frau, egal ob Deutsche oder Türkin, sollte ihrer Meinung nach einen Beruf erlernen und immer mit einem Bein im Job bleiben – egal ob Deutsche oder Türkin. „Denn man weiß nie, was passiert.“
Obwohl sich Asuman Karabulut in Deutschland wohlfühlt – ihre türkischen Wurzeln sind ihr nach wie vor wichtig. „Integration bedeutet nicht, dass man alles aufgibt. Aber ich glaube, viele Türken verstehen das so und wollen sich deshalb nicht integrieren.“

Susanne Andriessens
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