Ludwigsburg | 21. Februar 2017

„Von Natur aus bin ich Choleriker“

Wenn Torsten Fuchs zur Arbeit geht, klemmt er sich nicht unbedingt die Aktentasche unter den Arm. Er greift zur roten Nase, die er sich mitten ins Gesicht setzt. Die wird wahlweise kombiniert mit einer karierten Mütze, einer auffälligen Weste oder einem roten Jackett. Torsten Fuchs ist Clown Theo, der in Krankenhäusern oder Altenheimen für heitere Momente sorgt. Darüber hinaus zeigt Torsten Fuchs als Humorcoach wie man mit Humor den alltäglichen Stress besser bewältigen kann.

Herr Fuchs, Ihre Mutter stammte aus Düsseldorf, Ihr Vater aus Köln, da ist einem der Humor ja zwangsläufig in die Wiege gelegt.

Torsten Fuchs: Ja, der rheinische Humor. Dabei war meine Kindheit nicht besonders lustig. Ich verlor meine Mutter, als ich 13 Jahre alt war. Wir waren fünf Kinder zu Hause. Ich habe eine Zeit lang im Kinderheim im Schwarzwald verbracht, von dort bin ich dann irgendwann mal abgehauen, habe dadurch auch eine Weile auf der Straße gelebt. Ich war auch schon auf der Karlshöhe. Dort konnte ich den Umgang mit kognitiv eingeschränkten Menschen kennenlernen. Das war ein sehr spannendes Feld.

Das hört sich nicht nach einem ganz geradlinigen Weg an. Wie sind Sie auf den Humor gekommen?

Als ich die Schule abgeschlossen hatte, hab ich geschaut, was ich machen kann. Zunächst hatte ich eine Bäckerlehre angefangen, musste die aber wegen einer Allergie aufgeben. Dann begann ich Metzger zu lernen. Mein Ziel war es, aufs Schiff zu gehen, und ich sagte mir „kommst aber nicht mehr zurück“. Ich muss dazu sagen, mein Vater war bei der Handelsmarine, bevor er zur Bahn wechselte. Schließlich blieb ich doch hier und habe Groß- und Außenhandelskaufmann bei VW im Tammerfeld gelernt.

Ich war schon als Kind als Klassenkasper abgestempelt, nicht ganz einfach. Später habe mich dadurch für die Schauspieltechnik und Clownerie interessiert. Für mich stellte sich damals die Frage: Wieso soll ich nicht das, was schon immer da war, die Menschen zu erheitern, zu meinem Vorteil machen? Also habe ich eine klassische Clownsausbildung gemacht. Ich habe meinen Job hingeschmissen, als Quereinsteiger meine Schauspielausbildung verfolgt und mit Bühnenreife abgeschlossen. So hat alles seinen Lauf genommen. Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen, habe von heute auf morgen alles über Bord geworfen.

Wie alt waren Sie damals?

30. Drei Jahre später habe ich mich selbstständig gemacht. Ich war als Theaterschauspieler unterwegs und habe erste Erfahrungen als Clown machen können. Bei einem Auftritt hatte mich eine Frau gefragt, ob ich auch im Altersheim auftrete. Hab ich gesagt, ja, das mach ich. Zehn Jahre lang war ich dort tätig. Das war mein Einstieg in den therapeutischen Humor. Heute bin ich als Therapeutischer Klinikclown für „Humor hilft heilen“ im Einsatz, der Stiftung von Eckart von Hirschhausen.

Und Sie sind Humorcoach.

Genau, das hängt auch mit Eckart von Hirschhausen zusammen. Er hat mich mit Dr. Michael Titze aus Tuttlingen zusammengebracht, mit ihm gebe ich heute zusammen Seminare für den heilsamen Humor. Ich bin Humorcoach bei Humorcare (HCDA) geworden. Dabei geht es darum, zu lernen, wie wir mit der Ressource Humor besser mit uns und unseren Mitmenschen umgehen können, also unser eigenes Gesundheitsmanagement pflegen. Mittlerweile gebe ich Seminare auch für Firmen und Pädagogen im Bereich Team und Kooperation, Konfliktmanagement.

Mir gefällt folgender Spruch von Joachim Ringelnatz: Humor ist der Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt. Sehen Sie das auch so? Ist Humor tatsächlich ein gutes Mittel, um nicht zu explodieren?

Von meiner Natur aus bin ich Choleriker. Aber der Humor hat mir ganz oft geholfen, ruhig zu bleiben. Als Kind hatte ich feuerrote Haare, das Gesicht voller Sommersprossen und war blass, da ist man oft Ziel von verbalen Attacken gewesen. Der Humor hat mir geholfen, auch mal zu übertreiben, und so konnte ich besser damit umgehen.

Der Humor war für Sie also schon als Kind ein Werkzeug, um mit Situationen klarzukommen?

Ja, ich bin ja als Kind in ganz schweren familiären Situationen gewesen. Und ich habe Kämpfe mit mir selbst und mit anderen ausfechten müssen. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, was unter Resilienz zu verstehen ist: In allem, was ich erlebe, das Positive sehen und gelassener darauf reagieren. Ich lebe jetzt! Es gibt so viele Menschen, die in der Vergangenheit leben. Und sie machen viel davon abhängig, was in der Vergangenheit war. Aber man kann das nicht mehr ändern. Wir können die Zeit, die wir jetzt haben, gestalten.

Wenn man wie Sie in Altenheimen und Krankenhäusern unterwegs ist, wie kann man da die Leichtigkeit mitnehmen?

Die Zeit, die wir in den Zimmern sind, füllen wir mit Abwechslung. Ich versuche, die Patienten von sich selbst abzulenken, damit sie sich auf mich und meine Figur, den Clown Theo, fokussieren. Der Patient darf sich mit mir beschäftigen und nicht mit sich. Da herrscht manchmal ganz schönes Chaos. So verrückt sein können, das fehlt den Kindern. Sie sind immer in der Abhängigkeit. Die Leute klopfen nicht mehr an, wenn sie reinkommen wollen, die Schwestern haben einen Auftrag, und sie müssen nur noch funktionieren. Alle haben Stress und Sorgen. Und dann kommen so verrückte Clowns rein und fragen: Was willst Du? Was ist interessant? Wollen wir das Zimmer verwüsten?

Kommt das bei jedem an?

Unsere Aufgabe ist es, den Menschen mit Empathie zu begegnen. Wir drängen uns nicht auf. Ich klopfe an und zeige mein Gesicht. Dann sehe ich schon beim Gegenüber, was sich bei ihm verändert. Und daraus resultiert, wie ich weitergehe. Ich gehe nicht in Krankenzimmer und will die Patienten überzeugen. Ich bin kein Staubsaugerverkäufer. Es gibt Situationen, da wollen die Menschen sich nicht auf uns einlassen. Das ist in Ordnung!

Da gibt es sicher viele berührende Momente.

Die schönste Geschichte, die ich erlebt habe, war, als mich eine Frau im Krankenhaus ansprach und mich bat, ins Zimmer ihrer kranken Tochter zu kommen. Sie sagte: ‚Ich war als kleines Kind hier im Krankenhaus, und Sie waren bei mir. Und jetzt bin ich mit meiner Tochter hier und treffe Sie wieder.‘ Wir hatten beide Tränen in den Augen.

Wenn man Frauen fragt, was die wichtigste Eigenschaft bei einem Mann ist, kommt ziemlich schnell der Humor. Was macht einen humorvollen Menschen aus?

Die Leichtigkeit, dass man sich selbst nicht so ernst nimmt. Dann entsteht der eigene Humor. Einen humorvollen Menschen macht aus, dass er die Leute nimmt, wie sie sind. Wenn wir mit der positiven Psychologie dem Menschen begegnen, ist er bereit, sich zu öffnen. Dadurch wird er entspannter. Ich zum Beispiel erzähle als Mann ganz gerne Frauenwitze.

Erzählen Sie mal einen.

Der Klassiker, den ich gerade gerne erzähle, geht so: Eine Frau kommt samstags vom Einkaufen nach Hause, hat die Hände voll mit lauter Taschen und Tüten. Sie hat nur Sachen gekauft für sich. Sie tut sich was Gutes. Sie steht in der Tür zum Wohnzimmer, und ihr Mann sitzt auf dem Sofa und liest Zeitung. Sie sagt zu ihm: ‚Schatz, mit der neuen Brille siehst Du echt beschissen aus.‘ Sagt er: ‚Ich hab doch gar keine neue Brille.‘ Sagt sie: ‚Aber ich.‘

Wenn ein Mann zu Ihnen kommt, und um drei Tipps fragt, wie er mit mehr Humor bei den Frauen besser landet, was wären das für Tipps?

Das ist ja wie Schwimmen lernen, oder? Sie müssen sich ins Wasser begeben um Schwimmen zu lernen. Also Frauen treffen und herausfinden, was mich an ihr fasziniert. Sei interessiert nicht interessant. Und denken Sie ans bewusste Atmen, das entspannt. Wir arbeiten auch viel mit Komplimenten, mit ernst gemeinten Komplimenten.

Sind Sie zu Hause auch so ein Clownstyp?

Meine Frau sagt immer zu Freunden: Ihr glaubt gar nicht, wie ernst er zu Hause ist.

Sind Sie ein Partykracher?

Nein. Ich bin gerne im Hintergrund. Wir sind oft auf Feste und Feiern eingeladen. Manchmal kommt dann die Frage: Machst Du was? Ich frage dann immer zurück: Bin ich als Privatmann eingeladen oder möchtest Du mich engagieren?

Was macht für Sie guter Humor aus?

Der ist facettenreich und vielschichtig. Der darf sarkastisch, ironisch sein. Aber er darf persönlich nicht verletzend sein.

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