MARKGRÖNINGEN | 27. September 2008

„Wenn der Kindergarten kommt, schmelzen unsere Bewohner dahin“

Das Kleeblatt-Pflegeheim Markgröningen wurde 1996 im Neubaugebiet „Auf Hart“ eröffnet. Auch der Kindergarten der evangelischen Kirchengemeinde zog in das Haus – obwohl Experten davon abrieten. „Beide Seiten profitieren davon“, betont dagegen Kleeblatt-Mitarbeiterin Heike Röttgermann.

Bild: Alfred Drossel

Der Kindergarten befindet sich im Untergeschoss des Pflegekomplexes. Hin und wieder kommen die Kinder nach oben, um die Senioren des Kleeblatt-Heims mit einem Ständchen oder einem Gedicht zu überraschen. „Dann schmelzen unsere Bewohner dahin und strahlen übers ganze Gesicht. Es ist ihnen auch egal, wenn die Kinder Lärm machen und durch den Speisesaal rennen“, weiß die stellvertretende Hausleiterin Anna Nürnberger.
Die Kindergartenkinder gingen ohne Scheu auf die alten Menschen zu und seien sehr aufgeschlossen. „Als wir das Pflegeheim gebaut haben, sagten alle Fachleute: Lasst den Kindergarten raus‚ das verträgt sich nicht“, sagt Walter Lees, Geschäftsführer der Kleeblatt gGmbH. In all den Jahren sei aber nicht eine einzige Beschwerde eingegangen, weder von den Eltern der Kinder noch von den Bewohnern, beschreibt Lees die positiven Erfahrungen.
Den Kleeblatt-Betreibern ist es wichtig, einen unverkrampften Umgang zwischen den Generationen zu ermöglichen. „Es gibt eben kaum noch Mehr-Generationen-Familien, die im gleichen Haus wohnen. Auch auf der Straße sehen die Kinder selten pflegebedürftige Menschen“, nennt Sozialarbeiterin Röttgermann die Vorteile des gemeinsamen Daseins von Jung und Alt unter einem Dach. „Bei uns ist es normal, dass sich die Generationen begegnen.“
Träger des Kindergartens ist die evangelische Kirchengemeinde Markgröningen. Die Eltern können den Betreuungsplatz ihrer Kinder frei wählen – der Kindergarten im Kleeblatt-Heim liege bei den Erziehungsberechtigten hoch im Kurs, betont Traugott Plieninger, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde.
Das Markgröninger Haus wurde wie die anderen Kleeblatt-Einrichtungen auch als kleines, überschaubares Pflegeheim gebaut. 24 Pflegeplätze in 14 Ein-Bett- und fünf Zwei-Bett-Zimmern bietet der Betreiber an. Einen Unterschied allerdings gibt es: Im Gegensatz zu den meisten anderen Häusern wurde das Pflegeheim in Markgröningen nicht in der Stadtmitte, sondern in einem Neubaugebiet errichtet. „In der Altstadt war einfach kein Platz mehr“, sagt Lees.
In Markgröningen steht man vor dem gleichen Problem wie andernorts auch: Die Gedächtnisleistung der Bewohner nimmt immer weiter ab. „1992 waren noch zehn Prozent aller Pflegeheim-Bewohner dement, heute ist es die Hälfte“, so der Kleeblatt-Geschäftsführer. Das sei eine große Herausforderung für die Pflegeheime. Mit regelmäßigem Gedächtnistraining unterstützen die Pflegekräfte die Bewohner dabei, verlorenen gegangenes Wissen zu reaktivieren.
Portraitfotos an den eigenen Zimmertüren helfen den Senioren, sich zurechtzufinden. Auch das Aufstellen von alten Möbeln – etwa einem Kinderwagen aus den 50er Jahren – in den Hausgängen soll den Bewohnern die Orientierung erleichtern. „Es ist wichtig, dass man Objekte ins Pflegeheim nimmt, die positiv besetzt sind und die Pflegebedürftigen an ihre Kindheit erinnern“, sagt Lees.

Frank Klein
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