LUDWIGSBURG | 17. September 2008

Angesehener Arzt sah Freitod als einzigen Ausweg

Manchem alteingesessenen Ludwigsburger ist der Name noch ein Begriff: Walter Pintus. Der Arzt für Allgemeinmedizin und Geburtshilfe betrieb über 30 Jahre lang eine gut besuchte Praxis in der Mathildenstraße 6/1. Bis die Nazis nach und nach seine Existenz zerstörten. Und den angesehenen Arzt schließlich nach Dachau deportierten.

Bild: Staatsarchiv

Es ist wohl die zu jener Zeit größte Praxis im weiteren Umkreis, die der gebürtige Berliner in der Mathildenstraße 6/1 führt. „Seine Tätigkeit erstreckte sich bis in die weitere Umgebung von Ludwigsburg, es wird sogar von einem eigenen Auto mit ständiger Beschäftigung eines Fahrers berichtet“, erzählt Friedhelm Buschbeck, der die Biographie des jüdischen Mediziners für das Projekt Stolpersteine recherchiert hat (siehe Text rechts).
1905 hat Pintus als 25-jähriger frischgebackener Doktor die Praxis des bereits früh verstorbenen Dr. Jakob Plaut übernommen. Schnell wird er zum äußerst gefragten und beliebten Hausarzt. „Pintus war geschätzt für sein großes Verständnis auch der sozialen Nöte seiner Patienten – er zeigte immer wieder spontane Hilfsbereitschaft über seine ärztlichen Verpflichtungen hinaus, etwa indem er notleidenden Patienten Essen schenkte“, berichtet Buschbeck.
Auch privat ist der Arzt angesehen. Wegen seines weiten geistigen Horizonts – von dem seine ausgedehnte Bibliothek zeugt – und seiner fundierten Allgemeinbildung ist er ein gerne gesehener Gesprächspartner. Zusammen mit seiner Ehefrau Helene, geb. Jacobi, und der Tochter Lotte bewohnt Pintus den ersten Stock des Hauses an der Mathildenstraße. „Die Familie war sehr wohlhabend – nicht nur der eigene Pkw spricht dafür, sondern auch der Besitz eines großen Gartengrundstücks in der Nähe des Salonwaldes“, meint Buschbeck.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, raten Freunde der Familie zur Auswanderung. „Pintus aber glaubte, dass seine Meriten ihn schützen würden, die er sich als Militärarzt im Ersten Weltkrieg verdient hatte,“, erklärt Buschbeck. Eine fatale Fehleinschätzung. Schon 1933 gibt es Aufrufe zum Boykott der Praxis, 1936 werden seine Patienten in der NS-Parteizeitung öffentlich verhöhnt. 1938 schränken die Nazis die kassenärztliche Tätigkeit des 58-Jährigen ein, entziehen ihm schließlich die Approbation.
Nach der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wird Pintus mit zahlreichen weiteren Ludwigsburger Juden verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Drei Tage später ist Walter Pintus tot. „Wie er zu Tode kam, ist nicht gesichert – man geht davon aus, dass er sich mit einer Giftkapsel umbrachte, die er schon seit längerem bei sich trug“, erklärt Buschbeck.
Wie auch immer: Auf dem Stolperstein, der am Samstag, 27. September, 12.45 Uhr, vor dem Haus Mathildenstraße 6 verlegt wird, steht: „Ermordet in Dachau“. Buschbeck: „Walter Pintus hat den Tod durch eigene Hand gewählt, um dem durch fremde Hand zu entgehen.“ Ehefrau und Tochter des Arztes überleben das Nazi-Regime: Sie flüchten nach Argentinien. Dort lebt heute noch Walter Pintus’ Enkelin Margrit Brigitte.

Susanne Andriessens
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