Ludwigsburg | 04. August 2016

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Sich mit Geschichte zu beschäftigen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu meistern – diesen Lehrsatz hat sich Lukas Schultze-Melling aus seiner Schulzeit eingeprägt und nun in einem Projekt in die Tat umgesetzt. Im Rahmen seines Freiwilligen Sozialen Jahres, das er beim Pädagogisch-Kulturellen Centrum (PKC) in Kooperation mit der Gemeinde Freudental absolviert, hat es sich der junge Mann zur Aufgabe gemacht, Fluchtgeschichten nachzugehen – sowohl aktuellen als auch jenen, die Jahrzehnte zurückliegen (wir berichteten).

Seine Motivation: „Ich wollte aufzeigen, dass es die heutige Situation schon einmal gegeben hat, und dass man sie bewältigen kann“, erklärte Lukas Schultze-Melling im PKC, wo er seine Ergebnisse, die er in Interviews mit elf Betroffenen gewonnen hat, öffentlich vorstellte. Dabei gehe es ihm vor allem auch darum, rechtsextremem Hass vorzubeugen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass bei der Landtagswahl 17 Prozent der Freudentaler Wähler ihre Stimme der rechtspopulistischen AfD gegeben haben, zwei Prozent mehr als im Landesdurchschnitt.

 

Vier Personengruppen hat Lukas Schultze-Melling befragt: Heimatvertriebene, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem ehemaligen deutschen Osten nach Freudental gekommen sind; Menschen, die in den Jahren von 1949 bis 1990 aus der DDR geflohen sind; heutige Flüchtlinge aus Syrien, Pakistan und Mazedonien; und jene, die unabhängig von diesen drei Migrationsbewegungen aus politischen oder religiösen Gründen ihre Heimat verließen. Dabei interessierten ihn vor allem die Fluchtgründe, wie die Ankömmlinge in Freudental aufgenommen wurden und was sie unter „Heimat“ verstehen. Zudem setzte er die Fluchtgeschichten vergangener Jahrzehnte mit den aktuellen in Bezug, arbeitete Unterschiede und Parallelen heraus und zog eigene Schlussfolgerungen daraus.

 

Seine erste Erkenntnis: Manche der Fluchtgründe sind zeitlos, der Familiennachzug etwa, „ein momentan heiß diskutiertes Thema, vor allem wenn es um die Eltern unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge geht“. Doch neu ist das Thema nicht. Auch Regina Hirsch ist mit ihrer Mutter und ihren sieben Geschwistern dem Vater nachgefolgt, der zuvor schon aus der DDR geflohen war. Weitere Gründe sind früher wie heute wirtschaftliche Nöte, religiöse Diskriminierung, Krieg oder weil man in Opposition zur heimischen Regierung steht. Ebenfalls nicht geändert hat sich, dass die Neuankömmlinge auf Vorbehalte stoßen. So berichteten Heimatvertriebene Schultze-Mellig etwa davon, dass sie als Zigeuner beschimpft worden wären. Auch die religiöse Zugehörigkeit war früher schon ein Grund, weswegen Heimatvertriebene beziehungsweise Flüchtlinge abgelehnt wurden. „Jetzt hat man Angst, dass so viele Muslime kommen“, sagte Lukas Schultze-Melling, „früher ging es den Katholiken in Württemberg so und im erzkatholischen Westfalen wiederum hatten Protestanten mit Vorbehalten zu kämpfen.“ Auch die Sprache sei von jeher für die Integration wichtig gewesen. Zwar sei diese für Heimatvertriebene und DDR-Flüchtlinge keine so große Hürde gewesen wie für die heutigen Asylbewerber. Aber der schwäbische Dialekt war ihnen fremd. „Es ist eben doch ein Unterschied, ob man schwätzt oder babbelt. Und früher hat das noch eine größere Rolle gespielt.“ Ein „sehr gewichtiger Unterschied“ indes seien die Verhältnisse in Deutschland. Im Gegensatz zum Notstand an Wohnungen und Lebensmitteln, der nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschte, würden heutige Flüchtlinge in ein Land kommen, dem es wirtschaftlich gut gehe. Lukas Schultze-Mellings Erkenntnis: „Integration ist kein Sprint, sondern ein Marathon und braucht Zeit.“ Zudem sei es wichtig, mit den Menschen in einen Dialog zu treten. „Denn nur so kommt man zu einem Verständnis und damit auch zu einer Demokratiefähigkeit. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Achtung der Menschenwürde.“ Daher sei es notwendig, immer den einzelnen Menschen und seine Fluchtgeschichte zu betrachten.

 

Für diese Schlussworte bekam der junge Mann lang anhaltenden Applaus von seinen zahlreichen Zuhörern, unter denen sich auch einige der Interviewten befanden. Diese gingen im Anschluss gerne noch einmal auf ihre persönlichen Erfahrungen ein. Zudem war man sich an diesem Abend einig: Das Projekt ist erst der Anfang. Es gibt noch einige Aspekte, die es ebenfalls wert wären, beleuchtet zu werden, etwa die Integration von Gastarbeitern.

Luitgard Schaber
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