LUDWIGSBURG | 02. Juli 2008

Bier, Beginen und Belfriede

Gehaltvollem Trappistenbier, Ordensschwestern, die gar keine Nonnen sind, und an toskanische Campanile erinnernden Belfriede, profanen Turmbauten aus flandrischen Hoch-Zeiten, begegnet man im Lande der Comics, Pommes, Spitzen und Pralinen allenthalben.

Da sitze ich also vor meinem Kelch Trappistenbier und sinniere, weshalb ausgerechnet Mönche das beste Bier brauen. Trappisten spalteten sich bereits im 17. Jahrhundert vom Zisterzienserorden ab und machen in Westmalle bei Antwerpen nicht nur gutes Bier, es ist auch äußerst gehaltvoll. Ihr Dubbel wartet mit 7 % Alkohol auf, das Tripel gar mit 9,5 %. Dabei wirken beide nicht so schwer wie ihre bayrischen Verwandten, sondern kommen eher frisch und leicht daher. Nur der Nebel kommt schneller und die alte Klosterweisheit bewahrheitet sich bald: Nicht vergessen, zwei Bier sind ein Essen.
Aber viel Zeit zum Trinken bleibt nicht auf dieser von reichlichem Sonnenschein bedachten Reise. Fast könnte man meinen, Flandern wäre wörtlich zu nehmen: Eine Mischung aus Flanieren und Wandern. Denn die Innenstädte erschließen sich einem fast ausschließlich zu Fuß. Abgesehen von den obligatorischen Grachtenfahrten in Brügge und Gent. Aus der vom Boot aus völlig ungewohnten Perspektive erscheinen die Städte nochmals in einem völlig anderen Licht.
Um etwas über die Geschichte der Beginen zu erfahren, muss man nicht unbedingt nach Flandern reisen. Nicht nur Brügge, auch Bad Cannstatt schmückt sich mit einem vorbildlich restaurierten Beginenhaus. In Brügge ist es jedoch kein Haus, sondern eine ausladende Anlage, eine Stadt in der Stadt. Aber zunächst einmal frage ich mich: Was zum Teufel sind Beginen eigentlich? Ganz einfach: Sie bildeten die erste mittelalterliche Frauenbewegung und Frauen WG’s. Zwar fromm und eben deshalb auf Teufel komm raus auch betend, in ihrer Gemeinschaft aber ohne Fehl und Tadel und ohne an einen kirchlichen Orden gebunden zu sein. Sozusagen freie Nonnen, kein Gelübde ablegend, dabei autark und sogar aner-kannt von der damals zumeist frauenfeindlichen, zumindest jedoch Frauen unterdrückenden Männerwelt. Erstaunlich.
Flandern, lange Zeit habsburgisch und somit auch heute noch katholisch, ist auch eine Fundgrube für jeden kunsthistorisch Interessierten: Nicht nur die reich geschmückten Kirchen mit Bildern und Altären großer flämischer Meister wie Rubens, Van Eyck oder Brueghel. Auch die mannigfaltige Architektur mit ihrer vorherrschenden staffelgiebeligen Backsteingotik lassen dem Auge keine ruhige Minute, gönnen dem nervösen Zeigefinger am Kameraauslöser keine Pause. Wenn es nur nicht so viele Hochformatmotive gäbe!
Als weithin sichtbare Landmarken gelten die Belfriede der flämischen Städte. Diese teilweise über hundert Meter hohen, oftmals frei stehenden Glockentürme (Gent 118 Meter) zählen zu den bedeutendsten Profanbauten des ausgehenden Mittelalters. Stadträte und Zünfte bzw. Gilden setzten damit schon früh ein Zeichen, auch gegenüber der Kirche, wer die Herren der Stadt sind.
Die Herren und Damen des Radisson Park Hotels in Antwerpen sind indes 160 Reiseteilnehmer aus dem Kreis Ludwigsburg. Diese unter einen Hut zu bekommen, ist nicht leicht. Doch Hermann Waidmann vom Veranstalter Mondial Tours hat alles im Griff. Seinen Reiseleitern Bernhard, Karl-Heinz und Dieter stellt er gleich zu Beginn der Reise die flämischen Reiseführerinnen Janine, Louise, Hilde und Monika zur Seite, so dass jede der vier Busgruppen umfassend betreut werden kann.
Nach dem Diamantenmuseum und einer Pralinenmanufaktur besuchen wir auch eine Privatbrauerei. Das Gebräu darf nach anschließender Führung verkostet werden und schmeckt, mit Verlaub, sehr speziell. Gott sei Dank sind Geschmäcker verschieden. Ich bleibe, zumindest in Flandern, beim Trappistenbier. Op uw gezonheid - wohl bekomm's.

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