18. Februar 2008

Dem Sommer hinterher

Wie in alten Zeiten startete die LKZ-Leserreise „Rund um Westeuropa“ im nostalgischen Sonderzug ab Bahnhof Ludwigsburg: Endstation Columbus-Kai Bremerhaven, direkt neben MS Delphin, dem schwimmenden Hotel für die nächsten zehn Tage. Während zu Hause erstmals geheizt wurde, schien für die 260 Teilnehmer, mit Ausnahme des Aufenthalts in Barcelona, stets die Sonne. Kein Wunder. Zum einen reisten ausschließlich Engel, zum anderen aßen alle brav ihre Teller leer. Auch das Meer zeigte sich von seiner schönsten Seite, blieb ruhig, selbst im Golf von Biscaya.

Ein Reisebericht in Bildern.
Text und Fotos: Udo Jansen

Mönche und Korsare

Anlegen kann MS Delphin in Saint-Malo nicht. Mit zwölf Metern Tidenhub hat die Stadt und ihre gleichnamige Bucht einen der höchsten Gezeitenunterschiede weltweit. Das heißt, bei Ebbe läge das Kreuzfahrtschiff auf dem Trockenen, was Kapitän Igor Gaber lieber nicht riskiert. Also wird ausgebootet. Bei ruhiger See ein Kinderspiel für erfahrene Kreuzfahrer.
Saint-Malo, Stadt der Korsaren, sprich: Piraten des Königs, im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört, behielt ihren Freibeuter-Nimbus auch nach dem Wiederaufbau und ist heute die Perle der bretonischen  Smaragdküste.
Eine Busstunde von Saint-Malo entfernt ragt ein wahres Wunder aus dem Meer: Der Mont-Saint-Michel: Kloster, Bastion, Pilgerziel. Hier wird Mittelalter lebendig, auf Schritt und Tritt. Mächtige Mauern umfassen die ausladende Benediktiner-Abtei, die lange Zeit auch als Gefängnis diente. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Kirche mit ihrem spitzen, neu-gotischen Glockenturm ihr heute so markantes Aussehen.
Bis zum achtzig Meter über dem Meer gelegenen Kreuzgang kommt mancher satte Kreuzfahrer ins Schwitzen oder außer Puste oder beides, wird dabei aber mit einem herrlichen Ausblick aufs Land und Meer belohnt.

Ende einer Pilgerfahrt – Ende der Welt

Schon bevor Harpe Kerkeling mal eben weg war, sich auf den Weg machte nach Santiago de Compostela, entwi-ckelte sich der Jakobsweg in den letzten dreißig Jahren zur beliebtesten Pilgerroute Europas. Nachdem die Stadt 1972 noch keine hundert Pilger im Jahr zählte, werden für 2008 mehr als 120.000 erwartet! Viele wollen übrigens eher zu sich selbst finden als zu den Gebeinen von Jesus’ Jünger Jakob, die in der Kathedrale von Santiago de Compostela liegen sollen. Dabei zählt als Pilger nur, wer mindestens einhundert Kilometer vor Santiago zu Fuß zurücklegte. Wer bereits mehrere hundert oder gar tausend Kilometer hinter sich hat, marschiert in der Regel noch zwei Tage weiter bis ans Meer, zum Cabo de Fi-nisterre, dem – wie man Jahrhunderte lang glaubte – Ende der Welt.
Die LKZ-Reisefreunde fahren lieber mit dem Bus und natürlich mit ihrem Schiff, schließlich wollen sie noch mehr sehen in den nächsten Tagen. Muschelbänke zum Beispiel, durch die sich MS Delphin langsam ins Meer hinausschiebt, Kurs Südwest, der Sonne entgegen.

Das Tor zur Welt

Als die portugiesischen Seefahrer einst Lissabon durch die Tejomündung verließen, lag hinter ihnen Europa und vor ihnen der große unbekannte Ozean. Kein Wunder, dass hier die Wiege vieler Entdecker lag. Neben Magellan und Vasco da Gama wäre beinahe auch Kolumbus zu portugiesischen Ehren gekommen, hätte König Johann II. von Portugal seinen Plan, für ihn den direkten Seeweg nach Indien zu finden, nicht abgelehnt.
Portugiesisch klingt zwar wunderschön melodisch, ist aber nicht einfach zu verstehen oder zu sprechen. In Lissabons Vorort Belém, sprich Beleï, was widerum nichts anderes heißt als Bethlehem, häufen sich die Sehenswürdigkeiten, sodass während der Rundfahrt für vieles andere wenig Zeit bleibt. Am besten erkundet man die Stadt auf eigene Faust. Hat man den Hügel zum Castelo de Sao Jorge erklommen, wird man mit einem grandiosen Blick auf Tejo und Stadt belohnt. Einfacher geht es mit dem Elevador, einem Aufzug, der das Baixa-Viertel mit der Oberstadt Bairro Alto verbindet. Allerdings steht man unten länger an, als wenn man den Weg nach oben zu Fuß gegangen wäre. Egal: Gut gefahren ist besser als schlecht gelaufen.

Kurs Süd: Afrika

Alles, was auf dem südlichen Seeweg ins Mittelmeer einfährt oder dieses verlässt, kommt an Tanger nicht vorbei. Für MS Delphin, die von Norden kommt, ist die Fahrt nach Marokko damit eigentlich ein kleiner Umweg. Doch der Abstecher nach Tanger lohnt sich, er ist das Salz in der Suppe dieser wunderschönen Kreuzfahrt. Ein Spaziergang durch den Suk, den großen Bazar in der Altstadt von Tanger, gleicht dem Eintauchen in eine andere Welt. Alibaba lebt! Denn dieser Bazar ist authentisch, kein Touristenmarkt, hier verkaufen und kaufen dieselben Menschen, die hier auch leben und arbeiten.
Die Kreuzfahrer schieben sich durch das dichte Gedränge, vorbei an Gewürz- und Stoffhändlern, Schuhmachern, Blechschlägern, Friseuren, Bäckern und Metzgern und natürlich auch Souvenirläden, deren Besitzer wie die Fliegen über die Touristen herfallen. „Mir kaufet nix, mir henn scho älles!“ oder „Noi, nix, aus, weg, noi han i gsagt, gang mr fort!“ hört man allenthalben. Dennoch bleiben ein paar hängen und handeln. Schließlich muss man ja etwas mitbringen von der Reise, zumindest für die Enkele.
 
1492: Amerika entdeckt – Mauren vertrieben

Nach 700 Jahren maurischer Vorherrschaft, zumindest im Süden Spaniens, verließen 1492, als Kolumbus Amerika (wieder-)entdeckte, die letzten muslimischen Herrscher die Iberische Halbinsel. Zurück ließen sie ein Monument von solch erhabener Schönheit und Eleganz, wie es in der arabischen Welt nur wenige gibt: Die Alhambra. Im "Siebten Himmel", dem Paradies gleich, wollten ihre Erbauer, die Nasriden, leben und scheuten weder Mühen noch Kosten beim Bau dieser einzigartigen Burganlage mit ihren phantastischen Gärten.
In zweieinhalb Stunden werden die LKZ-Reisenden durch dieses Paradies gehetzt, für den einen zu lange, für den anderen viel zu kurz. Kunsthistorikern wird es hier nach einer Woche nicht langweilig.
Andalusien im Spätsommer ist trocken. So trocken wie die Kehlen der Urlauber, die sich freuen, bald wieder auf ihrem Schiff zu sein. Jetzt erst einmal ein kühles Bier!

Kein Urlaubsziel für LKZ-Leser

„Jetzt wolle mr mol gucka, wie onsere Jonge Urlaub ond Party mache!“, erklärt sich eine Dame aus Remseck, als sie in den Bus zur Ibiza-Inselrundfahrt steigt. Sie wird leider enttäuscht. Am Nachmittag sind die „Jonge“ entweder noch im Bett oder schon am Strand. Nur wenige junge Urlauber lümmeln dürftig bekleidet in Straßencafés herum oder gehen shoppen in mit reichlich Kartoffelchips und Schnaps ausgestatteten Läden. Ibiza, die Insel der Schönen und Reichen, auf jeden Fall aber der unter Dreißigjährigen, erwacht erst am späten Abend zum Leben, wenn MS Delphin längst abgelegt hat. Ist auch besser so, für beide.

Die Stadt des Antoni Gaudi

Was wäre Barcelona ohne Antoni Gaudi? Der Architekt, Künstler und Phantast  hinterließ in der Stadt seine Spuren wie kein Zweiter vor und nach ihm. Seiner Zeit ein ganzes Jahrhundert voraus schuf er nicht nur eigenwillige Gebäude mit bunten Fassaden, sondern wollte sich gleich mit einer ganzen Kathedrale ein Denkmal setzen.
An der 1883 begonnenen Sagrada Familia wird noch heute gebaut. An eine Fertigstellung wird frühestens in 25 Jahren gedacht, woran in Barcelona aber niemand ernsthaft glaubt.
Die Kreuzfahrer erleben heute ihren einzigen trüben, zum Teil sogar regnerischen Tag. Ein kleines Intermezzo nur, bei zehn Tagen Sonnenschein. Man nimmt es gelassen. Barcelona ist immer eine Reise wert und lohnt auf jeden Fall noch einen späteren Besuch, bei Sonnenschein und fortgeschrittenem Bau der Sagrada Familia.
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