LUDWIGSBURG | 23. September 2008

Deportation kurz vor der Rettung

Die Rettung war zum Greifen nahe. Die vierköpfige Familie Wertheimer hatte Visa für die USA beantragt. 1940 gelang dem Sohn Hans die Ausreise. 1941 erhielten auch die Eltern das rettende Visum, doch ihrer Tochter Hannelore wurden keine Papiere ausgestellt. Die Eltern entschieden sich mit der Tochter hier zu bleiben. Und gemeinsam mit ihr gingen sie in den Tod.

Bild: Alfred Drossel

Ein letzter Brief der 15-jährigen Hannelore ist erhalten. In ihm schrieb sie am 20. April 1942 an ihren Bruder in den USA: „Geliebter Hansel! Wir sind gesund. Reisen nächster Tage in Margots Nähe. Sei unbesorgt. Bleib gesund, auf ein Wiedersehen hoffend, grüßen und küssen Dich Eltern und Deine Lore.“
Vermutlich hat das junge Mädchen zu diesem Zeitpunkt aber schon geahnt, dass es kaum noch Hoffnung gibt. Ihre Tante Margot, die sie in dem Brief erwähnt, war damals nämlich bereits nach Riga deportiert worden. Dieser Brief von Hannelore ist wohl ein Abschiedsbrief, eine verschlüsselte Botschaft, mit der sie ihrem Bruder die bevorstehende Deportation mitteilte.
Sechs Tage nach diesem Brief wurden Hannelore und ihre Eltern Josef und Ida über das Sammellager Killesberg in Stuttgart nach Izbica bei Lublin im Osten Polens deportiert. Izbica war das größte Transit-Ghetto in Polen – der völlig überlaufene Vorhof zur Hölle. Von hier wurden Europas Juden in die großen Vernichtungslager weitertransportiert.
Die Spur von Hannelore und ihren Eltern verliert sich schon im Juli 1942. In diesem Monat erreichten noch zwei Briefe Bekannte in Ludwigsburg und Stuttgart. Über den weiteren Verbleib der Familie gibt es keine Erkenntnisse. Christine Macco, die das Schicksal der Familie recherchiert hat, vermutet, dass die Wertheimers noch in Izbica gestorben sind oder dort erschossen wurden.
Begonnen hatte das kurze und tragische Leben von Hannelore am 12. September 1926. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebte sie in der Friedrichstraße 22 in Ludwigsburg. Ihr Vater betrieb dort mit seinem Schwager einen Viehhandel.
Bis 1936 besuchte Hannelore die Grundschule in der Schulstraße. Dann wurde jüdischen Schülern der Besuch von deutschen Schulen verboten. Hannelore musste nun täglich in die jüdische Volksschule nach Stuttgart fahren. Im Jahr 1938 war ihr Vater gezwungen sein Geschäft zu schließen.
Nach der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 wurde ihr Bruder verhaftet und im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Nach seiner Freilassung setzte er sich 1940 in die USA ab. Auch Josef, Ida und Hannelore bemühten sich damals um Visa für die USA.
Im Dezember 1941 wurde die Familie nach Baisingen zwangs-
umgesiedelt. Kurz darauf bekamen Josef und Ida die nötigen Papiere für die Ausreise in die USA, nicht aber ihre Tochter Hannelore. Die Eltern verzichteten auf die Flucht und blieben bei ihrer Tochter. Bis zur Deportation arbeitete Hannelore in einem jüdischen Altersheim.
Ihr Bruder Hans Wertheimer baute nach dem Krieg einen Werkzeughandel in den USA auf. Als einer der wenigen überlebenden Ludwigsburger Juden hat er seine Heimatstadt immer wieder besucht. Im vergangenen Jahr ist Hans Wertheimer in den USA gestorben.

Christian Walf
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