LUDWIGSBURG | 11. Dezember 2008

Der Erfolgszug einer kleinen Hexe

4,99 Euro kostet das Lesezeichen, der Klassiker am Weihnachtsmarktstand von Tomas Martin Grieck. Der ungerade Preis ist kein Zufall. Nur so ist‘s dem Weltenbummler möglich, jedem Käufer noch seinen besonderen Gruß mit auf den Weg zu geben: „Glück für heute“ – in Form des einen Cents.

Bastler und Philosoph: Tomas Martin Grieck. Der 45-Jährige ist Weltenbummler, lebt in Heilbronn, Uruguay und Argentinien.

Bastler und Philosoph: Tomas Martin Grieck. Der 45-Jährige ist Weltenbummler, lebt in Heilbronn, Uruguay und Argentinien.

Bild: Alfred Drossel

Mal lacht sie, mal macht sie einen Schmollmund, oder sie zwinkert einem verschmitzt zu: Die kleine Hexe, die die Lesezeichen von Tomas Martin Grieck ziert. Sie ist der Verkaufsschlager in Griecks Stand in der Nähe der evangelischen Buchhandlung.
Wie so vieles in seinem Angebot hat er die Hexe selbst erfunden. Auch die Denkspiele stammen aus seiner eigenen Werkstatt – und der außergewöhnliche Schmuck ist das Werk seiner Frau Gloria. Gemeinsam mit ihr lebt der 45-Jährige in Uruguay. Rohstoff für die Anhänger, Armreifen und Ringe ist nicht irgendein Silber. Gloria fertigt die Stücke aus altem Besteck, das die Familie auf Flohmärkten in Uruguay aufstöbert.
Gelernt hat Griecks Frau den Beruf der Goldschmiedin nie. „Man wird zum Goldschmied“, sagt er. Genauso wie er zum Weihnachtsmarktbeschicker, Weltenbummler und Holzbastler geworden ist – per Zufall.
Geboren ist Tomas Martin Grieck in Buenos Aires, der Hauptstadt von Argentinien. Als er 13 Jahre alt war, flüchtete er mit seinen Eltern. 1976 kam die Familie nach Deutschland, zurück in die Heimat seiner Mutter, nach Heilbronn.
Zehn Jahre später packte Tomas Martin Grieck wieder seine Koffer: Gemeinsam mit seiner Tochter und seinem vier Monate alten Sohn flüchtete er zurück nach Südamerika – aufgrund des atomaren Unglücks in Tschernobyl: „Wir wollten einfach nur weg“, erzählt er. Und startete die verrückteste Fahrt seines Lebens: Nachdem er in Buenos Aires angekommen war, stieg die Familie um in einen alten Renault 6. Das Ziel: Peru. Neun Monate lang dauerte die Fahrt.
Heute lebt er abwechselnd in drei Ländern: In Deutschland, Uruguay und Argentinien. Seinem Beruf kann er überall nachgehen – doch die größte Werkstatt für den Bastler steht neben seinem Elternhaus, in Heilbronn.
In der vorweihnachtlichen Hektik wirkt Tomas Martin Grieck wie ein Ruhepol. Mit einem sanften Lächeln steht er in seiner Bude und spielt die Kalimba – ein Musikinstrument, gefertigt aus einem Kalebassen-Kürbis. Wenigen Minuten später zwirbelt er in aller Seelenruhe das Geduldsspiel wieder auseinander, an dem sich ein junges Mädchen versucht hat. Hektik kennt der Mann anscheinend nicht.
Und auch das größte Gedränge vor seinem Stand lässt ihn nicht nervös werden. Dann hält er sich einfach an einen Spruch, der auch einige der Lesezeichen ziert: „Tue erst das Notwendige und dann das Mögliche.“

Katja Sommer
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