12. Januar 2012

Die Zweitmeinung bringt mehr Sicherheit

Eine schwere Operation steht bevor und der Patient fragt sich, ob der Eingriff auch wirklich notwendig ist oder ob es alternative Therapien gibt. Oft bringt
da das Einholen einer Zweitmeinung mehr Sicherheit. Seit kurzem gibt es nun ein entsprechendes Internetportal. In Ludwigsburg sieht man das aber skeptisch.

Eine schwere Operation steht bevor und der Patient fragt sich, ob der Eingriff auch wirklich notwendig ist oder ob es alternative Therapien gibt. Oft bringt
da das Einholen einer Zweitmeinung mehr Sicherheit. Seit kurzem gibt es nun ein entsprechendes Internetportal. In Ludwigsburg sieht man das aber skeptisch.

In Deutschland wird nach Ansicht einiger Chirurgen zu häufig operiert. Der Gründer des Internetportals „Vorsicht Operation“, der Heidelberger Knie-Spezialist Hans Pässler, spricht von unnötigen Eingriffen, die nur dem Arzt nutzen und nicht dem Patienten. Die Ausgaben dafür würden wiederum das Gesundheitssystem belasten. Wer die Spezialisten des Internetportals um eine
Zweitmeinung bittet, muss für eine entsprechende Ferndiagnose zwischen 200 und 600 Euro aus eigener Tasche zahlen.
Laut dem Pressesprecher der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr, Rainer Lyhr, können sich seine Versicherten diese Ausgabe sparen. Er verweist im Gespräch mit unserer Zeitung auf ein spezielles Angebot der Krankenkasse:
Versicherte können sich hier kostenlos eine Zweitmeinung einholen, und zwar bei Krebserkrankungen sowie in den Bereichen Orthopädie und Urologie. Ob eine Chemotherapie, eine bevorstehende Wirbelsäulenoperation, Eingriffe am Knie oder Sprunggelenk oder eine Prostataerkrankung, laut Lyhr stehen in den genannten Bereichen Top-Ärzte für eine Zweitmeinung zur Verfügung. Das
bringt laut Lyhr mehr Sicherheit für den Patienten und erspare dem Gesundheitssystem auch Kosten. Unterstützung bei schwierigen Entscheidungen erhalten Patienten dem AOK-Pressesprecher zufolge außerdem über das Care-Telefon, eine Hotline, die rund um die Uhr geschaltet sei.
Auch der Pressesprecher der DAK Baden-Württemberg, Daniel Caroppo, verweist auf den Service seiner Krankenkasse. „Es gibt die freie Arztwahl und somit auch die Möglichkeit, sich eine Zweitmeinung einzuholen“, sagt Caroppo. Stehe ein Patient vor einem schweren Eingriff und sei unsicher, so werde er natürlich an einen Spezialisten verwiesen, der den Fall nochmals begutachte,
betont der Pressesprecher.
Die Techniker-Krankenkasse verweist ebenfalls auf eigene Angebote zum Thema Zweitmeinung. Lediglich die Deutsche Betriebskrankenkasse (BKK) prüft
derzeit laut einer Sprecherin eine Zusammenarbeit mit dem Internetportal,
es gebe aber noch keinen Vertrag. Die private Debeka will voraussichtlich in einer
Testphase die Kosten für die Zweitmeinung über das Internet übernehmen, wie ein Sprecher sagt. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (www.unabhaengige-patientenberatung.de) empfiehlt bei langfristigen und weitreichenden Behandlungen sowie bei schwerwiegenden Erkrankungen oder
Operationen, grundsätzlich eine zweite Meinung einzuholen.

Gibt es sie nun wirklich, die wild entschlossenen Operateure, denen die Patienten hilflos ausgeliefert sind? Die Realität sieht laut dem Regionaldirektor der
Kliniken Ludwigsburg, Matthias Ziegler, anders aus. Vor einem größeren Eingriff werde dem Patienten generell empfohlen, nochmals mit seinem Hausarzt
Rücksprache zu halten, der dann auch weitere Schritte einleiten könne. „Das ist ein praktiziertes Verfahren“, sagt Ziegler. Er berichtet auch vom umgekehrten
Fall: Ärzte raten von einer Operation ab und der Patient reagiert enttäuscht.
Das Internetportal „Vorsicht Operation“ entspricht laut Ziegler nicht dem Verständnis seines Hauses, da hier ein Patient begutachtet werde, den die Ärzte
gar nicht zu sehen bekämen. Außerdem kritisiert Ziegler das kommerzielle Interesse, das dahinter steckt. Nur wer zahle, bekomme ein Gutachten. Über den
Vorwurf, es wird zu häufig operiert, damit die OP-Säle ausgelastet sind, kann Ziegler nur den Kopf schütteln. „Wir führen einen täglichen Kampf, damit Patienten, die dringend operiert werden müssen, auch einen Platz bekommen“, sagt Ziegler.
„Wir haben keinen Anlass für unnötige Eingriffe“, fügt er an.
VON ANGELIKA BAUMEISTER
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