17. Oktober 2008

Ein Leben auf dem Pulverfass

Kampanien ist viel zu schön, um über einen Ausbruch des Vesuv nachzudenken

Die vier Millionen Menschen, die heute rund um den Feuerberg leben, sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als über mögliche Folgen eines Vulkanausbruchs nachzudenken.

Es ist halb acht Uhr morgens am 25. August des Jahres 79 nach Christus. Bereits gestern ist der Berg förmlich in die Luft geflogen, hat mindestens siebenhundert Meter seiner ursprünglichen Höhe eingebüßt, heute wird sein Innerstes Pompeji und Herculaneum und 20.000 Menschen unter sich begraben.
Plinius der Jüngere beschrieb den Ausbruch vor fast zweitausend Jahren in allen Einzelheiten, dem in den nachfolgenden Jahrhunderten noch weitere folgen sollten. Etwa alle fünfzig Jahre rumort es im und unter dem Berg, das letzte Mal 1944. Der Vesuv ist überfällig.
Doch daran verschwendet hier in Kampanien keiner auch nur einen Gedanken. In Italien wird gelebt, man denkt an heute, nicht an morgen. Man haut gerner auf den Putz als ihn an marode Häuserfassaden zu werfen.
"Due caffè", bestellt in einer Bar, mit Blick auf eine dieser bröckelnden Fassaden, ein Besigheimer zwei Tassen Kaffee. Sofort als Deutscher erkannt folgt vom Barmann die Gegenfrage "Cappuccino?", wohl wissend dass die Tedesci nicht wissen, dass ein caffè immer ein Espresso ist, während Espresso in Italien kein Mensch sagt.
Suspekt sind Italienern auch die deutschen Autofahrer. Diese wissen nicht, wie breit ihr Auto ist, sie hupen nicht, sie lassen nicht einfädeln, sie sind so schnell genervt. Gut, die Straßen sind eng, weshalb auch schon mal der eine oder andere Außenspiegel fehlt, aber "so is' Läbbe".
Während Diana erklärt, was ein dreiteiliger Bikini ist (Sonnenhut, Sonnenbrille, Sandalen), machen sich die anderen bereit für eine Bootsfahrt um die Insel Capri. Bootsführer Gennarino klagt über die vielen Touristen, von denen er allerdings gut lebt. Früher gab es nur Esel auf Capri und Reiche – sein Vater hat Mussolini gerudert! Heute kommen alle, die meisten nur einen Tag. Aus Capri-fischern wurden Menschenfischer. Echte Fische fangen nur noch wenige.
Aus dem Hinterland stammt der aus Büffelmilch gewonnene Frischkäse Mozzarella. Wie der über seine Grenzen hinaus bekannt beliebte Insalata Caprese mit Tomaten, Basilikum und Mozzarella zubereitet wird, ist hinlänglich bekannt. Dass die auf der Vannula-Büffelfarm gehaltenen Tiere dazu dreimal täglich vom Melkroboter gemolken, massiert, geduscht und mit Musik berieselt werden, ist auch vielen Italienern nicht bewusst.
Ebenso wenig wie die Tatsache, dass man schon nach dreißig Zyklen "Großeltern erzählen ihren Enkeln" bei den alten Römern ist.
Und dennoch hört man allenthalben "die waret au net bleed". Natürlich nicht, warum sollten sie dümmer gewesen sein als wir. Oftmals scheint eher das Gegenteil der Fall.
Als sich der Besigheimer im Café weltmännisch mit ciao verabschiedet, erntet er vom Barmann nur ein müdes Lächeln und ein höfliches arrivederci. Den Gruß ciao verwendet ein Italiener nämlich nur bei guten Freunden. Beim nächsten Mal weiß er es besser.
Udo Jansen
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Anzeige
UMFRAGE
Kanzlerkandidaten

In der SPD tobt die Debatte über den Kanzlerkandidaten. Wer sollte aus Ihrer Sicht Amtsinhaberin Angela Merkel herausfordern?

Zeitschriftenvorteil