LUDWIGSBURG | 02. Juli 2008

Einfach spitze: Flanderns Spitzen

Gleich vier flandrische Städte der Spitzenklasse, Antwerpen, Brüssel, Brügge und Gent, galt es bei der Busreise „Flanderns Spitzen“ zu entdecken. Bereits auf der Hinfahrt wurde die Kaiser-Karl-Stadt Aachen besucht, auf der Rückfahrt das Großherzogtum Luxemburg.

Es ist immer das gleiche: Da macht man Urlaub in Amerika, China und Australien oder wenigstens auf den Kanarischen Inseln. Das eigene Land, aber auch direkte Nachbarländer sind für viele böhmische Dörfer. Nur wenige Schwaben kennen „Vlaanderen“, zu deutsch Flandern, wo man flämisch, das heißt holländisch, spricht. Weshalb Flandern aber noch lange nicht in den Niederlanden, sondern im flämischen, nördlichen Teil Belgiens liegt. Die Flamen sprechen übrigens oftmals deutsch, in der Regel auch französisch. So polyglott sind die im südlichen Landesteil lebenden, französisch sprechenden Wallonen leider nicht.
Auf die Frage, welche der besuchten Städte Antwerpen, Brüssel, Brügge oder Gent nun die schönste ist, fällt die Antwort nicht schwer: Brügge. Die Stadt ist ein einziges Museum. Ihr Flair, vermittelt durch stille Winkel, freie Plätze, eine über weite Strecken erhaltene mittelalterliche Bausubstanz und das viele Wasser, macht Brügge zur Nummer eins auf der flandrischen Schönheits- und Beliebtheitsskala. Nicht, dass Antwerpen, Brüssel und Gent nicht auch ihre Reize hätten. Aber Brügge komprimiert, was der Besucher von Flandern erwartet, und er wird nicht enttäuscht.
Brüssel, eine Sprachinsel im Flandernland, nimmt auch als Hauptstadt eine Sonderstellung ein. Einstiger und jetziger Reichtum gehen Hand in Hand. Ab dem 15. Jahrhun-dert kam es wie die anderen flämischen Städte zu erstaunlichem Wohlstand, der sich heu-te noch am Grand Place mit seinem gotischen Rathaus und den reich geschmückten Zunfthäusern widerspiegelt. Das moderne Brüssel erwachte mit der Weltausstellung 1958, dem es sein heutiges Wahrzeichen, das Atomium, verdankt. Die namentlichen Spitzen in-des sind kein Markenzeichen der Stadt. Sie wurden einst in ganz Flandern geklöppelt.
Nichts ist in Antwerpens Altstadt davon zu spüren, dass die Stadt eine Hafenstadt ist. Erst auf einer Hafenrundfahrt werden einem die Ausmaße des zweitgrößten Seehafens Euro-pas bewusst. Vorbei sind die Zeiten, als Bananen noch in Netzen von Schauermännern aus den tiefen Bäuchen der Schiffe gelöscht wurden. Wenn heute Schiffe an der Schelde – flämisch S'chälde ausgesprochen – festmachen, dann nur für Stunden. Computergesteu-erte Hafen-Terminals greifen sich Container im 20-Sekunden-Takt.
Flandern ohne Kunst ist nichts. Und ganz oben steht Peter Paul Rubens. Er war nicht nur ein genialer Künstler. Vor allem verstand er sich bereits zu Lebzeiten perfekt zu vermarkten, ging ein und aus in europäischen Fürsten- und Königshöfen, malte für die Medici und wurde so zu einem der reichsten Bürger Antwerpens. Seine sprichwörtliche Vorliebe, dralle Frauen zu porträtieren, spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Am Ende seines 63-jährigen Lebens unterhielt er eine florierende Maler-Manufaktur, ließ quasi in seinem Sinne malen, jedoch nicht ohne die letzten Pinselstriche und Schliffe selbst auszuführen.
Etwa fünfzig Prozent aller weltweit geförderten Diamanten werden in Antwerpen gehandelt. Knapp hundert Prozent aller männlichen Mitglieder der jüdischen orthodoxen Glaubensgemeinde in Antwerpen sind Gold- und Diamantenhändler. Sie sind allgegenwärtig im Straßenbild der Stadt, wollen auffallen durch ihre traditionelle Kleidung, sich bewusst abheben, aller Welt zeigen, wer sie sind. Einem Zeitsprung gleich kommen sie daher; unangenehm an das finsterste Kapitel deutscher Geschichte erinnernd; wie auf Schwarzweiß-Fotografien im Geschichtsbuch: Männer und Jungen im langen schwarzen Mantel, mit schwarzem Hut oder Kippa, darunter ihre Peots, die Schläfenlocken, wild flatternd, wenn sie mit dem Fahrrad unterwegs sind. Auch Mädchen und Frauen scheinen, in Sack und Asche gekleidet, von Heidi Klum noch nie gehört zu haben, sind unnahbar, nach ihrem Verständnis seit 5769 Jahren.
Was das Steenhuis für Antwerpen ist der Gravensteen für Gent. Trutzige Burgen, erbaut zum Schutz vor den Normannen, die ab dem 9. Jahrhundert auch Flandern heimsuchten.
Gent entwickelte sich ähnlich wie die anderen Städte des Landes und entfaltete sich ebenfalls vom 15. bis 17. Jahrhundert zur vollen Blüte. Ein Kleinod besonderer Art findet sich in der Kathedrale von St. Bavo: Das Altarbild „Die Anbetung des Lamms Gottes“ der Brüder Jan und Hubert Van Eyck.
Eigentlich ist Flandern auch nicht viel weiter von Ludwigsburg entfernt als Salzburg. Bereits auf der Hinfahrt wird die Kaiserstadt Aachen, besucht. Beeindruckend ist nicht nur der Dom, entstanden aus Kaiser Karls Pfalzkapelle. Auch der Domschatz wird besichtigt. Erstaunliches erfährt man hier: Als die weltberühmte Karlsbüste als eine Idealform eines Kaisers geschaffen wurde, war Karl der Große nämlich bereits seit über fünfhundert Jahren tot. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt mehr, wie Karl tatsächlich aussah.
Auch Luxemburg, der Zwischenstopp auf der Rückfahrt, ist für viele Neuland. In der neben Straßburg und Brüssel dritten Hauptstadt Europas, wurde europäische Geschichte geschrieben. Auch das Haus Luxemburg stellte deutsche Könige und Kaiser. Als Großherzogtum bildete es später eine uneinnehmbare Bastion in der Mitte Europas. Noch heute zeugen die sich auf 180 Hektar ausdehnenden Befestigungsanlagen davon, mit ihren auf 24 Kilometer Länge in den Fels geschlagenen unterirdischen Gängen der Kasematten.
Weitere Bilder über die Reise sind auf einer CD im Kundencenter der LKZ zu erwerben und einzusehen in der Bildergalerie auf dieser Seite.

Texte und Bilder: Udo Jansen
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