Ludwigsburg | 25. Juli 2016

Forschungsarbeit in der Arche der Schriften

Die umfangreichen Funde wurden von Frowald Gil Hüttenmeister und Martin Haußmann gereinigt, geordnet und konserviert. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurden Teile der Freudentaler Genisa erstmals 1993 in einer von Evelyn Friedlander und Falk Wiesemann verantworteten Ausstellung; seit 1997 sind einige Exponate dauerhaft auf der Frauenempore der Synagoge zu sehen. Systematisch erschlossen und damit der Wissenschaft zugänglich gemacht wird die Freudentaler Genisa aber erst jetzt – in Mainz, wo die bisher in etwa 30 bananenkistengroßen Kartons im PKC gelagerten Fundstücke zu diesem Zweck ihre vorübergehende Bleibe finden.

Eine kleine Ausstellung auf der Frauenempore der ehemaligen Freudentaler Synagoge zeigt einige Fundstücke aus der dortigen Genisa – und erinnert an deren Zustand bei ihrer Bergung im Jahr 1981 (links).
Eine kleine Ausstellung auf der Frauenempore der ehemaligen Freudentaler Synagoge zeigt einige Fundstücke aus der dortigen Genisa – und erinnert an deren Zustand bei ihrer Bergung im Jahr 1981 (links).
Fotos: Alfred Drossel

Andreas Lehnhardt, der an der Mainzer Evangelisch-Theologischen Fakultät Judaistik lehrt, ist Leiter des Forschungsprojekts Genizat Germania und hat bereits mehrere Genisot in Rheinland-Pfalz und Unterfranken erschlossen und dokumentiert, darunter (gemeinsam mit Falk Wiesemann) die als besonders bedeutend geltende Genisa von Niederzissen im Spessart. Bei der Freudentaler Genisa handle es sich um einen Fund mittlerer Größe, der sich – dank der bereits geleisteten Konservierungsarbeit – in einem „fantastischen Zustand“ befinde und vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert stamme, sagte Lehnhardt. In einem ersten Schritt wollen er und seine Mitarbeiter sich die in Freudental überlieferten Textilien (siehe unten) ansehen, in etwa zwei Jahren soll die komplette Genisa aufgenommen und zumindest größtenteils im Internet dokumentiert sein. Eine vollständige Online-Präsentation ist laut Lehnhardt entbehrlich, weil etliche, weit verbreitete Druckschriften auch andernorts dokumentiert seien.

Sensationen seien von der Erschließung des Freudentaler Fundes daher zwar nicht zu erwarten, wohl aber wichtige Aufschlüsse über die religiöse und die Alltagskultur der Freudentaler Juden. Zudem werde ihr Vergleich mit anderen jüdischen Gemeinden möglich. Während sich in der Gesamtschau aller erhaltenen Genisot nämlich eine Art Bibliothek des deutschen Landjudentums ergibt, lässt der Einzelfall Rückschlüsse darauf zu, welche der in der umfangreichen Responsenliteratur überlieferten, rabbinischen Entscheidungen denn vor Ort tatsächlich umgesetzt wurden. Für Freudental ließe sich so möglicherweise auch die Frage prüfen, ob die dortige jüdische Gemeinde – die im 19. Jahrhundert als Bollwerk jüdischen Traditionalismus gegen den „Stuttgarter Liberalismus“ galt – tatsächlich so konservativ war wie ihr Ruf.

Mitunter verrieten Genisot auch den Einfluss magischer Bräuche, sagt Lehnhardt. Für Freudental als langjährigem Wirkungsort des Kabbalisten Joseph Mayer Schnaittacher ist auch das eine spannende Frage – galt der amtsenthobene Rabbiner, den sein Grabstein als „Sinai und Bergeversetzer“, als „Pracht und Zier“ seiner Gemeinde preist, doch selbst Nichtjuden im Ort noch nach der Schoah als Wundertäter. Sogenannte „Frauenbibeln“ lassen Fragestellungen unter Gender-Gesichtspunkten zu, jiddische Schriften solche nach der Haltbarkeit des (vom osteuropäischen Jiddisch zu unterscheidenden) Südwestjiddischen. Es könnte in Freudental überraschend langlebig gewesen sein, wie ein heute in Guatemala aufbewahrtes Schriftstück zeigt: Die im Dezember 1938 nach Mittelamerika emigrierte Irma Spatz schrieb dort oder während eines New-York-Aufenthaltes in den 1950er Jahren in ihr altes Freudentaler Zeugnisheft volkstümliche Gedichte in einem schwäbisch getönten Südwestjiddisch – und gab ihrer kleinen Sammlung den Titel „Freudental“.

Die Erschließung der Freudentaler Genisa wird also neue Fragen aufwerfen. Und sie kann vermutlich helfen, ältere zu beantworten.

Steffen Pross
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