18. April 2008

Früherer Flüchtling steht Ausländern zur Seite

Paulos Tesfazghi ist ein großmütiger Mensch. Der nützliche Charakterzug hat dem Eritreer geholfen, trotz etlicher Hürden seinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. 1976 kam er als Flüchtling nach Deutschland, seit 24 Jahren steht er anderen Migranten als Sozialberater mit Rat und Tat zur Seite.

Bild: Cathrin Müller

Er war der Stolz seiner Familie. Das jüngste von sechs Kindern schien zu Besonderem berufen. Bis ein Militärputsch gegen Äthiopiens Kaiser Haile Selassie über Nacht alles veränderte. Die folgenden politischen Wirren bewogen den damals 23-Jährigen, seinen Studienplatz an der Universität in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abbeba aufzugeben und sein Glück im Ausland zu suchen. In Eritrea, dem kleinen Land am Roten Meer zwischen Äthiopien und dem Sudan, tobte derweil ein Unabhängigkeitskrieg.
In Deutschland musste Paulos Tesfazghi 1976 fast bei Null beginnen. Gut erinnert er sich an jene erste Zeit in einem kleinen Dorf in Niedersachsen, wo er einen Sozialamtsmitarbeiter mit Schreibmaschinenkenntnissen verblüffte. Der Mann hatte ihn automatisch für einen Analphabeten gehalten. Und die Kollegen in der Baufirma nahmen staunend zur Kenntnis, dass auch ein Afrikaner Radfahren kann.
Ohne Originalzeugnisse seines Abiturs in Eritrea wurden seine zwei Semester Soziologiestudium entsprechend der deutschen Mittleren Reife gewertet. Mit eisernem Willen und allen Sprachbarrieren zum Trotz erwarb er an einer Fachoberschule in Köln die Fachhochschulreife, sein Studium an der Fachhochschule für Sozialwesen schloss er 1984 ab.
Nach Tätigkeiten unter anderem im Eritrea-Zentrum der Arbeiterwohlfahrt in Stuttgart und im Sozialdienst der Caritas in Waiblingen kam Paulos Tesfazghi – mittlerweile mit einer Eritreerin verheiratet und Vater von drei Kindern – 2001 als Sozialberater der Caritas nach Ludwigsburg.
Auch hier hilft er Migranten nach Kräften, das zu erreichen, was ihm gelungen ist: in dieser Gesellschaft anzukommen. Seine Mitarbeit im Arbeitskreis Asyl und in der Migrantenfraktion gehört da mit dazu. Bei seiner Arbeit erlebt er aber auch, was alles schief laufen kann bei der viel zitierten Integration. „Da ist auf beiden Seiten viel mangelnde interkulturelle Kompetenz im Spiel“ hat er festgestellt. „Viele Migranten empfinden es sofort als persönliche Ablehnung, wenn sie nicht gleich das bekommen, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht.“ Pure Missverständnisse führten oft zum Rückzug oder auch zur Aggression gegen eine Gesellschaft, die ihnen scheinbar etwas vorenthält.
Migranten, die ihre kulturelle Identität gefunden hätten, könnten sich in der Fremde leichter integrieren, als zum Beispiel jene der zweiten Generation, die sich im Niemandsland zwischen zwei Kulturen verlören. Ein Grund, warum er hier an der Schule der eritreischen Elterninitiative ehrenamtlich seine Muttersprache Tigrinya lehrt und sich zudem seit 1978 im Kirchengemeinderat der muttersprachlichen Kirche des Geéz-Ritus engagiert.
Tatsache sei aber auch, dass Gleichberechtigung in der Praxis eben nicht immer Gleichbehandlung bedeute. Da sei es wichtig, dass Eltern mit Kindern sprechen und Frustrationen mit ihnen aufarbeiten, wenn sie solche Erfahrungen gemacht haben.
Auf die Frage, ob er in Deutschland glücklich geworden ist, muss Paulos Tesfazghi lange überlegen. „Ich bin zufrieden“, sagt er schließlich und lächelt. Die Träume seiner Jugend von einer Zukunft als angesehenes Mitglied der Gemeinschaft in seiner Heimat oder gar einer wissenschaftlichen Elite sind unerfüllt geblieben. „Das Nachholen des deutschen Abiturs und ein Studium in einer fremden Sprache zu absolvieren, das alles hat viel Zeit und Kraft gekostet“, erklärt er.
Inzwischen hat er seine Familie in Eritrea einige Male besucht. Die politische Lage ist unsicher und das Land von 30 Jahren Unabhängigkeitskrieg gezeichnet.
Eine Rückkehr für immer steht außer Frage – auch nicht später, im hohen Alter. Höchstens immer mal wieder längere Besuche kann er sich vorstellen.
„Ich bin mir bewusst“, sagt Paulos Tesfazghi, „dass meine Heimat hier ist, wo auch meine Kinder sind.“

Annette de Cerqueira
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