LUDWIGSBURG | 20. September 2008

Hermann Wißmann: Politisch Verfolgter stirbt im Haftlager

Hermann Wißmann wurde nur 31 Jahre alt. Er starb 1933 im Schutzhaftlager in Stetten am kalten Markt. Ein Stolperstein vor dem Haus in der Oberen Gasse 16 in Hoheneck erinnert künftig an das einstige KPD-Mitglied.

Bild: Alfred Drossel
Bild: VVN-BdA

Hermann Wißmann machte sich in Ludwigsburg insbesondere als aktiver Sportler einen Namen. Von 1930 bis 1933 war er Vorsitzender der Hohenecker Turner. Wißmann selbst war Ringer und Kraftsportler. Bei der Neugründung des Athletiksportvereins Täle, dem gemeinsamen Kraftsportverein der Neckarweihinger und Hohenecker Männer, war er aktiv beteiligt. 1933 löste die NSDAP alle sportlichen, geselligen und religiösen Vereinigungen auf und zog deren Vermögen ein. So verloren die Vereine ihre Sportplätze, Übungsräume und alle Sportgeräte. „Hermann Wißmann hat mit seiner politischen Meinung nicht hinterm Berg gehalten“, sagt Karin Kohler. Die Neckarweihingerin ist Mitglied im örtlichen Bürgerverein, der sich intensiv mit der Biografie Hermann Wißmanns befasst hat.
Als junger Arbeiter seien Wißmann und sein jüngerer Bruder Robert zur KPD gekommen. Beide waren politisch aktiv. Wißmann war zudem Mitglied der Gewerkschaft und der Roten Hilfe, die politische Gefangene unterstützte. „Die Kommunisten haben sich in Ludwigsburg nicht versteckt“, sagt Karin Kohler. Sie veröffentlichten die „Ludwigsburger Arbeiterzeitung“ und bekannten sich zu ihrer politischen Meinung.
Am 5. März 1933 fand die Reichstagswahl statt. Schon in den frühen Morgenstunden des darauf folgenden Tages kam es in Ludwigsburg und anderswo zu Verhaftungen. Auch Hermann Wißmann wurde in dieser Nacht von Sonntag auf Montag verhaftet. Man brachte ihn zusammen mit anderen Genossen der KPD und SPD ins Militär-Arresthaus in die Hindenburgstraße.
Schon wenige Tage nach der Inhaftierung wurden die Gefangenen mit Autobussen auf die Schwäbische Alb ins Konzentrationslager, das sogenannte „Schutzhaftlager Heuberg“ bei Stetten am kalten Markt (Kreis Sigmaringen) gebracht. Das war am 8. März 1933.
Das Lager Heuberg gab es schon im Ersten Weltkrieg. Damals waren dort russische Kriegsgefangene inhaftiert.
„Am Anfang wurden in dem Arbeitslager die Häftlinge mit sinnlosen Arbeiten beschäftigt“, sagt Karin Kohler. So mussten die Männer zum Beispiel Steine von der einen Ecke des Platzes in die andere schleppen. „Prügel, Quälereien und schwere Körperverletzung waren bei der SA-Wachmannschaft an der Tagesordnung.“ Laut Karin Kohler gab es sogar Scheinerschießungen.
„Hermann Wißmann hat seine Mithäftlinge zu Spiel und sportlicher Ertüchtigung animiert, selbst nach schwerer körperlicher Arbeit“, weiß Karin Kohler. Er wollte damit die Gemeinschaft untereinander stärken.
Bei eben einer solchen Arbeitspause, beim gemeinsamen Spiel, starb Hermann Wißmann. Das war am 8. April 1933. Der Augenzeuge Karl Kunde beschreibt den Vorfall so: „Er fiel plötzlich um – der Arzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.“
„Wißmann war nicht krank“, sagt Karin Kohler. Sein Tod gibt bis heute Rätsel auf. Niemand weiß genau, warum er schon wenige Wochen nach seiner Inhaftierung starb. Er war das erste Todesopfer im Schutzhaftlager Heuberg.
Hermann Wißmann hinterließ seine junge Frau und seine dreijährige Tochter. Sein Leichnam wurde nach Ludwigsburg überführt. Die Trauerfeier und Einäscherung fand am 11. April 1933 auf dem Hohenecker Friedhof statt. „Alle Freunde und Genossen waren trotz Überwachung durch die Nazis gekommen“, sagt Karin Kohler. Familie und Freunde wurden zu Stillschweigen verpflichtet: Kein Wort über die Verhaftung, das Lager und die Todesumstände. Hermann Wißmanns Grab besteht heute nicht mehr.

Julia Essich-Föll
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