LUDWIGSBURG | 29. September 2008

Kleine Platten machen Schicksale lebendig

Sie sollen an Bewohner dieser Stadt erinnern, die während des nationalsozialistischen Regimes ermordet wurden: An acht Orten Ludwigsburgs befinden sich nun kleine glänzende Platten im Gehweg. Verlegt wurden sie am Samstag – in bewegenden Zeremonien, die rege Teilnahme fanden.

Bilder: Alfred Drossel

Das Loch ist schon da, 30 Zentimeter tief. Bereits vor ein paar Tagen haben es Mitarbeiter der Technischen Dienste Ludwigsburg in den Gehweg vor dem Haus Meraner Straße 3 gefräst, eine kleine Wunde im Asphalt. Gunter Demnig ist zufrieden: „Die Vorbereitung hier in Ludwigsburg ist top.“
Der 60-jährige Künstler aus Köln weiß, wovon er spricht: 16 500 Stolpersteine hat er bereits verlegt, in Deutschland und im europäischen Ausland. Er ist bundesweiter Initiator der Aktion Stolpersteine.
Um ihn herum haben sich an diesem sonnigen, aber kühlen Morgen 60 Menschen versammelt. Eine bunt gemischte Versammlung unterschiedlichster Altersklassen. Ältere, Jüngere, Neugierige, Nachbarn. Ein kleines Mädchen steht in Hausschuhen da, es wohnt in der Straße. Genauso wie Antonie „Toni“ Orthal bis vor 70 Jahren: Nachdem sie ihren beiden Söhnen und ihrer Mutter die Ausreise nach Palästina ermöglicht hatte, wurde sie 1944 im Alter von 56 Jahren im Konzentrationslager Ausschwitz ermordet.
Zusammen mit der 20-jährigen Abiturientin Lisa Graf hat Verena König die Geschichte recherchiert. Der ehemaligen Lehrerin am Goethe-Gymnasium steigen die Tränen in die Augen, als sie das Schicksal der einstigen Ludwigsburgerin Antonie Orthal vorträgt, kurz versagt ihr die Stimme.
Solche Momente ereignen sich immer wieder an diesem Tag in Ludwigsburg – dort, wo ein Stolperstein verlegt wird. Das Interesse ist rege, an jedem der acht Orte sind mindestens 40 Menschen zugegen, meistens mehr, immer wieder kommen neue Gesichter dazu.
„Die Aktion macht die Geschichte für einen hautnah erlebbar, vor allem, wenn man in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt“, findet Mathias Hübler, der von dem Projekt aus der LKZ erfahren hat und zur Mathildenstraße 6 gekommen ist. Dort wohnte einst Walter Pintus mit seiner Familie. Im Hinterhof, wo der beliebte und belesene Arzt seine gut laufende Praxis hatte, gedenken jetzt knapp 80 Leute seines Todes, den er 1938 im KZ Dachau fand.
Die kleinen Zeremonien laufen ähnlich ab: Manche mit, manche ohne musikalische Begleitung von Schülern des Goethe-Gymnasiums. Ein Mitglied der Stolperstein-Gruppe verliest die Biographie, die er recherchiert hat. Zur gleichen Zeit kniet Gunter Demnig nieder: Er setzt den Stein mit der glänzenden Messingplatte in das Loch, klopft mit einem Gummihammer darauf, lässt Betonpulver aus einer Papiertüte in die Lücken rieseln, gießt Wasser nach. Das Ganze dauert wenige Minuten, der Beton ist schnell fest.
An der Friedrichstraße sind es gleich drei Stolpersteine: Für Ida, Josef und Hannelore Wertheimer. „Hannelore war so ein ruhiges, liebes Mädel“, sagt Anna-Maria Binzinger, geborene Reutter, und zieht zwei Schwarz-Weiß-Fotos aus ihrer Handtasche.
Auf einem sind fröhliche kleine Mädchen in hellen Kleidern zu sehen. „Hannelore ist die mit dem Zopf“, sagt die 82-Jährige und tippt auf ihre ehemalige Kameradin aus der Grundschulzeit. Leise fügt sie hinzu: „Das ist schon sehr schlimm.“
Das Haus, in dem die Familie Wertheimer lebte, bis sie 1941 zwangsumgesiedelt, dann nach Polen deportiert und ermordet wurde, gehört heute der benachbarten evangelisch-methodistischen Kirche. Pastor Hans-Martin Steckel erzählt von der Bestürzung, die in seiner Gemeinde geherrscht habe, als man von dem Schicksal der Wertheimers in der LKZ erfuhr. Eine Diskussion um Mitwisser- und Mittäterschaft habe dies ausgelöst, vor allem bei den älteren Gemeindemitgliedern. „Durch die Stolpersteine ist die Geschichte noch mal aktuell geworden.“
Die kleinen glänzenden Platten machen deutlich: Die Wunden im Straßenasphalt verheilen, sobald der Beton getrocknet ist. Die Wunden, die die Verbrechen der Nationalsozialisten erzeugt haben, verheilen nie.

Susanne Andriessens
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