03. Februar 2009

Leserbriefe


Gefährliche Kunst

Ute Staiger aus Ludwigsburg zum Kunstprojekt und zum Bericht über die Kaffee-Räder am Bahnhof
Was heute so alles als „Kunst“ verkauft wird! Egal! Was aber nicht egal ist: Diese zwei Räder nehmen dem Autofahrer total die Sicht auf Fußgänger, die die Straße überqueren. Kunst kann also auch gefährlich sein. Ist die Künstlerin diese Strecke mal mit dem Auto gefahren?




Vorauszusehen

Hans Kleiber aus Ludwigsburg zur Reaktion der Verwaltung auf die Schäden an der Statue des Stadtgründers
Der Stadtverwaltung kann man den Vorwurf nicht ersparen, dass sie dem Stiegenbau aufs Haupt des Herzogs ohne Bedenken zugestimmt hat. Sie hat doch Erfahrung darin, wie rücksichtslos einige Zeitgenossen mit öffentlichen Einrichtungen jedweder Art umgehen.
Es war vorauszusehen, dass Chaoten ihren Frust am Herzog ablassen würden. Auch wenn noch so viele es prima finden, die Stufen hinaufklettern und von der Plattform aus einen Blick auf Herzog und Marktplatz werfen – einige sind immer darunter, die nur etwas kaputtmachen wollen.
Jetzt sind die Beschädigungen passiert und die Reaktion der Verwaltung besteht einfach darin, sie wieder reparieren zu lassen. Die Rechnung geht an die Stadtkasse, wohin sonst?


Einladung für Chaoten

Ingolf Dornfeld aus Benningen sieht die Installation des Künstlers Timm Ulrichs um die Herzogsstatue kritisch
Vor einigen Jahren wurde unser Stadtgründer Herzog Eberhard Ludwig für viel Geld von seinem Platz inmitten über dem Marktbrunnen demontiert und in einem Fachbetrieb generalüberholt, neu vergoldet und so weiter. Prachtvoll und unbeschädigt stand er nun wieder auf seinem Platz und schaute dem Jubiläumsjahr gelassen entgegen.
Aber, oh Schreck, mitten im Jubeljahr wurde er zum zweiten Mal beschädigt und dieses Mal auch noch von allen Seiten beschmiert. Wie kommt’s auf einmal? Ein Künstler hatte die grandiose Idee (abermals für viel Steuergeld), ein rustikales, klotziges Gerüst um ihn herumzubauen mit einer Treppe, damit das Fußvolk dem Herzog auch einmal in’s Auge blicken kann.
Eigentlich ganz witzig. Die Verantwortlichen hätten jedoch wissen müssen, dass dieses Vorgehen für früh- oder spätpubertierende Schmierfinken und Chaoten geradezu eine Einladung ist, ihr Unwesen zu treiben. Für die Idee alleine (das Bauwerk als solches wurde von Handwerkern gefertigt) erhielt der Pseudokünstler eine fette Gage. Die Folgekosten trägt der Steuerzahler.
Den blauäugigen Stadtoberen ist wohl immer noch nicht bewusst, dass auch in unserer Stadt – wie auch in anderen Städten in Europa – der Mob fast ungehindert und jederzeit sein Unwesen treiben kann. Ordnungskräfte werden eingespart. Der zivilisierte Bürger muss es erdulden.


Nicht zu glauben

Rolf Bantel aus Ludwigsburg zu den Schäden an der Herzogsstatue auf dem Marktplatzbrunnen
Es ist ja nicht zu glauben, dass der Herzog auf dem Marktplatz beschädigt und bemalt wurde, aber es ist so. Ich habe mich selbst davon überzeugt. Die Verantwortlichen, die das Gerüst auf dem Marktplatz genehmigt haben, waren sich wohl nicht bewusst, dass man – wenn man seiner Majestät auf der Plattform so gegenüber tritt und ihn so farblos dastehen sieht – schon auf die Idee kommen kann, er könnte etwas Farbe vertragen.
Aber dass man ihm auch noch das Zepter klauen wollte, ist eine böse Sache. Wenn man aber beim Kinderfest den Kleinsten schon zeigt, dass man Autobusse anmalen (beschmieren) darf, wie sollen sie dann begreifen, dass man andere Gegenstände nicht anmalen darf? Aber wahrscheinlich ist es den Tätern auf dem Podest langweilig geworden, eine Rutschbahn vom Podest hinab wäre vielleicht hilfreich gegen die Langeweile gewesen und hätte zur Volksbelustigung beigetragen.
Im Übrigen wäre der Herzog nicht zu Schaden gekommen, wenn man das Gerüst nicht aufgebaut hätte und das Geld zur Restaurierung des Herzogs verwendet hätte – und Ludwigsburg hätte einen attraktiveren Herzog, den man nicht aus eigener Initiative bemalen müsste.


Der Herzog hätte seine Freude

Dieter Großhans aus Ludwigsburg zum Kunstwerk „Audienz beim Herzog Eberhard Ludwig“ auf dem Marktplatz:
Wenn ich an einem sonnigen Morgen im Café Lutz sitze, mir von einer netten und freundlichen Dame das Frühstück bringen lasse, dabei die neueste Zeitung lese und mich an der Schönheit des Marktplatzes mit seinen Arkaden und den beiden Kirchen erfreue, ist für mich als Rentner die Welt in Ordnung. Schaue ich über den Rand meiner Zeitung hinweg, sehe ich das Standbild unseres Stadtgründers Herzog Eberhard Ludwig. Ich sehe, dass anlässlich des Stadtjubiläums der Herrscher nun über eine Treppe und Plattform auch für das gemeine Volk direkt erreichbar ist. Eine tolle Idee des Künstlers Timm Ulrich.
Ich beschließe, nach dem Frühstück die Treppe hinaufzugehen und eine Audienz beim Herzog zu erbitten. Ich versetze mich geistig in das Jahr 1709 und stelle mir vor, dass mir die Audienz gewährt wird. Ich verneige mich vor seiner Durchlaucht. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir, dass er eine neue Stadt gegründet habe. Als Anreiz zur Ansiedlung wolle er die Bauplätze und das Baumaterial kostenlos zur Verfügung stellen. Außerdem bräuchten die Bürger fünfzehn Jahre lang keine Steuern zu bezahlen.
Als er mir die Pläne für die Stadt zeigt, bin ich begeistert und bedanke mich bei ihm. Nachdem ich mich mit einer tiefen Verbeugung von unserem Landesvater verabschiedet habe, gehe ich die Treppen hinunter und lande wieder in der Wirklichkeit.
Ich denke fünfzig Jahre zurück, als die Stadt aus ihrem damaligen Dornröschenschlaf erwachte und wie anlässlich des zweihundertfünfzigsten Stadtjubiläums das „Blühende Barock“ gegründet wurde. Meinem damaligen Alter entsprechend fällt mir als erstes das Parkcafé ein, in dem Kapellen Tanzmusik spielten und meine Freundin Hanni und ich wunderschöne Abende verbrachten.
Ludwigsburg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiter entwickelt und deshalb wohnen wir heute in einer lebenswerten Stadt, mit einem aktiven kulturellen Leben. Ich bin sicher, dass seine Durchlaucht viel Freude hätte und stolz wäre, wenn er sehen könnte, was aus seiner Stadt geworden ist.


Eberhard Ludwig ohne Zepter

Prof. Dr. Michael Vierling, Ludwigsburg: Erwartungen an den Skulpturenpfad und die Treppe hinauf zum Denkmal Eberhard Ludwigs am Marktplatz
Die Ludwigsburger sollen ihrem Herzog „auf Augenhöhe“ begegnen können. So erklärte bei der ersten Begehung des Skulpturenpfades die Kunstführerin den interessierten Teilnehmern der Führung. Wahrscheinlich ist es ganz im Sinne des Künstlers Timm Ulrichs, dass solche Begegnungen ihre eigene Dynamik entfalten.
Schon am Eröffnungstag unterhielt ich mich mit anderen Bürgern, die den Pavillon erklommen hatten, über den Mut der Ausstellungsmacher und der Stadtverwaltung, den Herzog so schutz- und wehrlos zu stellen. Muss er sich im Allgemeinen nur über Taubenexkremente auf dem Haupt ärgern, so ist er nun über Monate hinweg Vandalismusgefahren ausgesetzt.
Doch genauer betrachtet entwickelt sich das Demokratieprojekt des Künstlers – Gleichstellung statt Über- und Unterordnung – nun im Sinne von Aktionskunst. Die Französische Revolution ist Sinnbild dafür, dass die Gleichheit nicht immer auf ganz friedlichem Weg errungen wurde. Mir scheint, dass die Auslieferung des Herzogs an die Gewalt der vielen Einzelnen als Test angesehen werden kann, wie die nun Gleichgestellten ihre neuen Rechte nutzen. Verantwortlicher Umgang mit Bürger-Rechten ist eine Herausforderung, an denen auch immer wieder Menschen scheitern.


Weißes Ungetüm

Günter Nagatz, Ludwigsburg: Kritik am Pavillon rund um den Marktbrunnen
Als ich gestern auf dem Marktplatz stand, sah ich vor mir unser Denkmal Herzog Eberhard Ludwig mit dem Brunnen, umgeben von einem weißen Ungetüm mit einer Treppe, ich war entsetzt.
Dieser Anblick alleine verschandelt den ganzen schönen Marktplatz, welcher einer der schönsten in unserem Land ist.Warum musste man dieses unserer Bevölkerung antun?


Geld für City-Info-Säulen

Marcus Zwick, Marbach: Zum Skulpturenprojekt inLudwigsburg
Bei aller Anerkennung der Kunst im allgemeinen wäre für mich, wie sicherlich auch für viele andere Menschen, die in Ludwigsburg leben oder diese Stadt besuchen, anderes wichtiger. Statt irgend welcher abstrakter Skulpturen wäre es besser, die City-Info-Säulen in der Stadt wieder zu reparieren und funtionstüchtig zu machen. Denn hier scheint mir das Geld besser eingesetzt zu sein als bei diversen Skulpturen, dessen Sinn doch keiner versteht.


Ausgaben dreimal hinterfragen

Hans Kleiber aus Ludwigsburg zum Skulpturenprojekt in der Innenstadt
Sicher ist es großartig, dass sich Ludwigsburg dank avantgardistischer Künstler so modern fühlen kann. Ob dieses Gefühl bei allen ungeteilte Freude auslöst, darf angesichts einbrechender Konjunktur und wegbrechender Arbeitsplätze bezweifelt werden.
Viele Familien wissen nicht, wie es in Zukunft weitergehen soll. Ob da beim Anblick der Kunstwerke große Hoffnung aufsteigt? Auch wenn es sich laut Rathaus nur um Peanuts handelt, gehört doch in Zeiten wie dieser jede Ausgabe dreimal hinterfragt, ob sie nötig ist.
Notfalls könnte man nämlich dem Herzog auch mit einem Fernglas in die Augen schauen – ohne Gerüst.


Heide-Margret Rieck aus Ludwigsburg zum Skulpturenprojekt und der ausgemusterten Krone
Schade, ausgerechnet mit Bernd Zimmer wurde ein Künstler ausjuriert, der der Langeweile, den endlosen Wiederholungen, den Plagiaten, der Öde in der Moderne etwas entgegenzusetzen hat.
Sicher, über Mangel an Scherz, Ironie, Provokation und tiefer Bedeutung bei den ausgewählten Kunstwerken kann sich niemand beklagen, nur sind diese Inhalte flüchtig, von Tagesergeignissen schon überholt, so wie Tim Ullrichs Baugerüst. Schlagen Sie die Zeitung auf, und sehen Sie die Fotos von Michelle Obamas Verstoß gegen das Protokoll, das jede Berührung mit der Queen verbietet. Sie schaut ihr nicht nur in die Augen, sie umarmt sie gar, und die Umarmung wird für alle sichtbar erwidert. Welche Bedeutung hat da noch die durch Timm Ullrichs geschaffene Möglichkeit, Ludwigsburg dem Denkmal des Herzogs an die Nase fassen zu können.
Das von Bernd Zimmer geschaffene Kunstwerk kommt ohne Deutung aus und bringt etwas Neues in die ausgefahrenen Wege der Kunst. Es würde Ludwigsburg gut anstehen, wenn die Erfindung einer neuen Form erkannt würde und das Werk seinen Platz auf dem Schlossplatz einnehmen könnte.
Der Arbeitstitel – Krone – stellt zwar einen profanen Bezug zum Schloss her, die Irritation, die Nichtnotwendigkeit einer Deutung wird schon beim Betrachten der Fotos deutlich. Keine überdimensionale Lillifeekrone – eher eine Hand, ein schwebendes Gewicht, etwas Fallendes. Wem ist das zu profan gewesen? Die Frage darf erlaubt sein, w em das Werk zu ästhetisch gewesen sein soll. Zur Orthodoxie der Moderne gehört auch, dass Schönheit nicht erlaubt ist. Wenn diese Zeit vorbei ist und die Anhänger des modernen Kunstbetriebs auseinandergelaufen sind, wird nur eines bleiben: die Wahrheit, die ein Kunstwerk verbreitet: die endgültige Form.
Es besteht immerhin die Möglichkeit, dass Schönheit und Wahrheit vom Volk erkannt werden. Für Ludwigsburg ist zu hoffen, dass sich Sponsoren finden, oder sich der Vorschlag von Dr. Thomas Lang durchsetzt und die Bürger mit einbezogen werden, wenn am Ende des Jahres ein Werk gekauft werden soll.


Öffentlichkeit einbinden


Die Gruppe POZ Ludwigsburg! um Ina Brandl, Claudia Müller, Barbara Schüßler und Helmut Wöhner schreiben zum Thema Skulpturenprojekt (LKZ vom 30. Januar):

Mit den Zukunftskonferenzen 2005 und 2006 hat Herr Oberbürgermeister Spec verkündet: „Ludwigsburg schafft eine neuartige politische Kultur (...). Das geht nur mit gemeinsamem Denken, Dialog, Handeln.“ (Zitat aus dem offiziellen Protokoll der 1. Ludwigsburger Zukunftkonferenz). Wie weit dies umgesetzt ist, zeigt das Vorgehen im Zusammenhang mit dem entstehenden Skulpturenpfad. Das gemeinsame Denken, Dialogisieren und Handeln gelingt noch nicht einmal zwischen Bürgermeister, Verwaltung und Gemeinderat. Die Öffentlichkeit, die die Skulpturen „nutzen“ und vor allem bezahlen soll, wird überhaupt nicht eingebunden.
Wir, die POZ Ludwigsburg!, sind eine offene, niemandem verpflichtete Gruppe, die Meinungsbilder erfasst zu Themen, die für Ludwigsburgs Zukunft wichtig sind. In diesem Sinne setzen wir die Anliegen der Zukunftskonferenz um. Mehrfach haben wir gegenüber dem Oberbürgermeister, dem Fachbereich Bürgerschaftliches Engagement sowie den Fraktionen angeboten, eine Befragung durchzuführen und damit die Bürger in die Gestaltung ihrer Stadt einzubeziehen. Wir erhielten nie eine Antwort. Aber das ist ja wohl auch nicht anders zu erwarten. Oder doch?
Die Schaffung einer neuartigen politischen Kultur ist lange angekündigt. Es wird Zeit, dass sie umgesetzt wird! Wer sich über uns informieren möchte: www.poz-ludwigsburg.de / nächster Treff am Donnerstag, 5. Februar um 17.30 Uhr in der Senioren-Begegnungsstätte Stuttgarter Straße 12/1


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