Ludwigsburg | 05. Januar 2011

Mit Weinkeller und Arrestzellen

Das barocke Haus in der Eberhardstraße, in dem künftig das Stadtmuseum residiert, steckt selbst voller Geschichten. Hier wurden in den 70er Jahren Telefone von mutmaßlichen Drogendealern abgehört, hier wurden Mörder verhört und im Gewölbekeller auch manche Partys gefeiert.
Seit 1959 hatte die Kripo dort ihre Büros, das Haus blieb über vier Jahrzehnte ihr Dienstsitz. Dass die alte, geschwungene Treppe im Gebäude herausgerissen wurde, hat ihn schon geschmerzt.

Bild: privat
Bild: privat
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Das barocke Haus in der Eberhardstraße, in dem künftig das Stadtmuseum residiert, steckt selbst voller Geschichten. Hier wurden in den 70er Jahren Telefone von mutmaßlichen Drogendealern abgehört, hier wurden Mörder verhört und im Gewölbekeller auch manche Partys gefeiert.
Seit 1959 hatte die Kripo dort ihre Büros, das Haus blieb über vier Jahrzehnte ihr Dienstsitz. Dass die alte, geschwungene Treppe im Gebäude herausgerissen wurde, hat ihn schon geschmerzt. Hermann Dengel ist da oft rauf- und runtergerannt. Damals, als er das Dezernat leitete, das sich um Wirtschaftskriminalität, Betrugs- und Rauschgiftdelikte kümmerte. Später wechselte er zur Kriminalprävention.
Er kennt jeden Winkel in dem Haus. Unterm Dach war eine Hausmeisterwohnung, später hat man sie in Diensträume umgebaut. Einmal fiel im Flur die Stuckdecke herunter – und hätte beinahe eine Kollegin erschlagen. Sie konnte gerade noch zur Tür hinaus. Es gab Arrestzellen und einen Partyraum, der fleißig genutzt wurde. Hermann Dengel blättert die Fotos durch, da sitzen junge Leute, mit Hippiefrisuren und Kippe im Mund. Die Bierkrüge auf dem Tisch. Es sind alles Kripobeamte. Natürlich nach Feierabend.
Hinten im großen Gewölbekeller war ein Weinkeller der Weinhandlung Schnepple, die jederzeit in den Hof der Kripo fahren konnte, um abzuladen. Einfach so, ohne irgendeine Einlasskontrolle. So konnte es auch sein, dass ein Wirt seine guten Kontakte zu den Beamten nutzte, um in der Dienststelle einen gerade aufgegriffenen Mörder in Augenschein zu nehmen. Er brachte auf einem Tablett ein paar Bier vorbei – und durfte einen Blick ins Verhörzimmer werfen.
In den 70er Jahren war es dann vorbei damit. Keine Schauspielerin Uschi Glas mehr, die spontan bei der Kripo vorbeischaute und alle anlächelte. Als die Rote-Armee-Fraktion (RAF) ihre terroristischen Morde verübte, machte man die Schotten dicht. Das Haus in der Eberhardstraße erhielt eine dicke Stahltür mit Schalter und schusssicherer Scheibe. Und die Kriminalpolizei verdankt dieser Zeit, dass endlich auch alle Einsatzfahrzeuge mit Funk ausgestattet wurden.
Hermann Dengel hat sich damals wie viele andere am Flughafen die Hacken abgelaufen. Die Kripo-Beamten wurden zur Bewachung eingeteilt, gleichgültig, wie viel Arbeit in Ludwigsburg liegenblieb.
Er war 1977 dann nach der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten in der Soko Schleyer, hat mit der Maschinenpistole in der Hand Fahrzeugkontrollen durchgeführt. Stress pur war das: Da öffnete einer, der angehalten worden war, das Handschuhfach, drin lag eine Pistole. Und er, Hermann Dengel, hielt ihm den Lauf in den Nacken. „Das hätte schiefgehen können“, sagt Dengel. Der Mann war kein Terrorist, sondern ein Sportschütze.
Von der Eberhardstraße aus wurden dann auch Telefone abgehört. Trieben sich doch einige der Terroristen im Landkreis herum. 1977 rückte Sachsenheim ins Visier der Fahnder, dort fand man nach der Ermordung des Generalbundesanwalts Buback das Fluchtfahrzeug. Ein Alfa Romeo.
Grillfeste gab’s in diesen Jahren trotzdem im Innenhof des Barockgebäudes, Geburtstage wurden meist zünftig gefeiert. Auch im Partykeller, dessen steinernes Gewölbe immer feucht war und von wo den Gästen das Salpetersalz von der Decke auf die Schultern rieselte. Deshalb hatten die Polizisten den ganzen Raum mit einer Plastikplane abgehängt.
Wichtiges wurde meist im Büro in Kaffeerunden besprochen. Und ein Schnäpsle während der Dienstzeit – auch das gab’s. „Die Zeit war anders“, meint Hermann Dengel. Und auch die Leute. Er erinnert sich an einen alten Soldaten im Erkennungsdienst, der mit seinem Taschenmesser erst Kleider von Leichen aufgeschnitten und damit später sein Vesperbrot geschmiert hat. Man will gar nicht wissen, warum der Mann so ohne Skrupel war.
In den sechziger und siebziger Jahren hatten die Ludwigsburger viel mit Amerikanern zu tun, die während des Vietnamkriegs 1968 rauschgiftsüchtig geworden waren. „Die haben nachts die Stadt unsicher gemacht, haben viel geprügelt“, berichtet Dengel. Das Old Ship war als Amilokal berüchtigt. Oft hat die Militärpolizei CID, auch an den deutschen Behörden vorbei, ermittelt und Militärangehörige kurzerhand außer Landes gebracht. Sie wurden in den USA vor Gericht gestellt.
Die Heroin-Szene machte der Polizei bis in die 80er Jahre hinein zu schaffen. „Fast alle der damals jungen Leute leben heute nicht mehr“, stellt Dengel fest, der von der Eberhardstraße aus gegen Dealer ermittelte. Drogentote fand man im Treppenhaus des Marstall-Centers, junge Frauen gingen in der Seestraße und
später bei der Bärenwiese auf den Strich. Die Rauschgiftszene und vor allem die tödliche Wirkung von Heroin hat man nicht richtig ernst genommen, sagt Hermann Dengel im Rückblick. Wenn er heute in die Eberhardstraße kommt, kehrt er in der Gaststätte Post-Cantz ein, wo schon früher für die Kripo-Beamten aufgetischt wurde. Jahrzehntelang war man Nachbar – „da sind Freundschaften entstanden“, sagt er.
Hans-Peter Jans
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