Ludwigsburg | 23. Januar 2010

Morsche Balken, barocke Zimmer

Die Fassade ist rosa wie bei Schlössern, die Sprossenfenster sind mit weißen Friesen umrahmt – das Haus an der Eberhardstraße 1 sieht stattlich aus. Es ist repräsentativ, wuchtig und würdig, wie es in der Zeit der Perücken und gepuderten Wangeneben auch herzogliche Amtsträger gern hatten. Zum barocken Schein gehört auch das Sein im Hinterhof: Vorne hui, hinten pfui, pflegten früher die Leute zu sagen.

Haupteingang Stadtmuseum
Bilder: Holm Wolschendorf
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Baustelle Stadtmuseum
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Klingel Stadtmuseum
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Planbesichtigung Stadtmuseum
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Dachstuhl Stadtmuseum
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Die Fassade ist rosa wie bei Schlössern, die Sprossenfenster sind mit weißen Friesen umrahmt – das Haus an der Eberhardstraße 1 sieht stattlich aus. Es ist repräsentativ, wuchtig und würdig, wie es in der Zeit der Perücken und gepuderten Wangeneben auch herzogliche Amtsträger gern hatten. Zum barocken Schein gehört auch das Sein im Hinterhof: Vorne hui, hinten pfui, pflegten früher die Leute zu sagen. Hinten im Hof, da durften Pferde und Ziegen sein, auch das Gesinde, das sich um die Wäsche kümmerte, und der Dreck, den man vielleicht durch den Torbogen hindurch entsorgte.Dass hier einst Welten aufeinandertrafen, spürt man noch heute. Wer durch die schmucke Holztür in den Flur des baufälligen Gebäudes geht, sieht links die 3,50 Meter hohen, herrschaftlichen Räume, die unangetastet bleiben. Rechts dunkle Kämmerchen, deren Wände teilweise abgerissen werden. Man muss schon Einbildungskraft haben, um die Schönheit zusehen. Die Räume sind kahl wie auf einer Baustelle. Wo man Decken vermutet, stecken nackte Balken in der Wand, es gibt große Löcher, aus denen Stroh und Lehmbatzen herausquellen. Manches ist morsch, weil über Jahre Feuchtigkeit eindrang. Hier sollen künftig Stadtmuseum und Kunstverein einziehen, ebenso die Tourist-Info. Mit einem Foyer und einem großzügigen Treppenhaus, das den Blick auf museale Objekte und die Kunst im Innenhof freigibt. Das einlädt, hinten im Museumscafé zu plaudern oder nach oben zugehen, wo in einem Studierzimmer Drucke darauf warten, angesehen zu werden.Wie in der Barockzeit sollen Besucher von Zimmer zu Zimmer wandeln können, das eine ist dunkelrot gehalten, das andere hat Theater-Vorhänge, wieder einanderes setzt auf Glas und Metall. „Wir spielen mit der Idee des Kabinetts“, so Dr. Alke Hollwedel, die Leiterin des Stadtmuseums. Jedes Thema erhält eine andere Gestaltung.
Damit man sich nicht wie Alice im Wunderland fühlt, dürfen Besucher selbst entscheiden, welchen Weg sie durch Kunst und Geschichte wählen. Wer will, kann erst in den Gewölbekeller steigen, um sich eine Ausstellung anzusehen, oder man schlendert im Flur entlang, um zu erfahren, wie die Planstadt zur Industrie-und Bürgerstadt wurde. Seit fast zwei Jahren steht dasHaus, das als Kulturdenkmal eingestuft ist, leer. Das Regierungspräsidium hatte einen Baustopp verhängt, als bekannt wurde, dass innen abgerissen wurde. Die alte Holztreppe knarzt, wenn man nach oben geht. Sie wird demnächst herausgerissen. Am Geländer hält man sich besser nicht fest. Auch im ersten Stock ist nicht viel übrig geblieben von der einstigen Herrlichkeit. Ein bisschen Stuck sieht man da und dort. Eine gusseiserne Säule stützt einen Balken. Der Umbau, mit dem die Stadt noch im Juni beginnen will, wird auf den Bestand Rücksicht nehmen. „Museologie und Architektur verbinden sich hier“, so Arno Lederer vom Architekturbüro Lederer, Ragnarsdottir und Oei, nach dessen Entwurf gebaut und saniert wird. Zuversichtlich ist er, auch wenn für ein öffentliches Gebäude Eingriffe in das Denkmal nötig sind. Etwa beim Dachstuhl: So besonders die Balkenkonstruktion ist, der Aufzug nimmt nach Ansicht des Denkmalamts doch etwas von seiner Ursprünglichkeit. Auch heute noch ist die hohe Kunst der Zimmerer aus der Barockzeit spürbar. „Das hat Qualität“, stellen die Architekten fest. Eine Bemerkung, die umso mehr zutrifft, je öfter die Bewohner zugriffen: Denn in Not- und  Kriegszeiten sind Hölzer aus dem Gebälk genommen und an kalten Tagen verfeuert worden. Wo früher das Gesinde war, soll künftig mit der Kultur nicht Schluss sein. Im Innenhof will der Kunstverein – dort wird ein Neubau erstellt – zeitgenössische Kunst, Film und Poetry anbieten.Er will die Räume auch abends zugänglich machen. Fast einmalig dabei ist die angestrebte Kooperation aller Beteiligten: Museale, künstlerische und touristische Angebote sollen sich gegen-seitig befruchten.
Hans-Peter Jans
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