07. April 2011

Murr forstet waldarmen Landkreis ein wenig auf

Murr: Der Landkreis Ludwigsburg ist arm. Ärmer als jeder andere Kreis in Baden-Württemberg. Ja, schon, die Menschen malochen und ackern, verdienen dicke Geld, aber für ne schöne Waldesruh langt’s nicht. Weil kaum Wald da ist. Die Gemeinde Murr tut was dagegen.

Waldarbeit geht ins Kreuz, das lässt dieses Bild erahnen.
Waldarbeit geht ins Kreuz, das lässt dieses Bild erahnen.
Fotos: Martin Bergmann
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Der Erfinder der Murrer Waldvermehrung, Hermann Blattert, legte selber Hand an, um Traubenkirschen und Hainbuchen in den Boden zu setzen.
Der Erfinder der Murrer Waldvermehrung, Hermann Blattert, legte selber Hand an, um Traubenkirschen und Hainbuchen in den Boden zu setzen.
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Jagdhündin Bella inspizierte mit Herrchen Marco Holzwarth sorgsam die Löcher.
Jagdhündin Bella inspizierte mit Herrchen Marco Holzwarth sorgsam die Löcher.
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Kira, Svea und Hendrik begutachten mit Rita Maier, ihrer Oma, das eigene Pflanzwerk.
Kira, Svea und Hendrik begutachten mit Rita Maier, ihrer Oma, das eigene Pflanzwerk.
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Expertenrunde: Die Waldkindergartenkinder Felix und Max mit dem Kollegen vom Forst.
Expertenrunde: Die Waldkindergartenkinder Felix und Max mit dem Kollegen vom Forst.
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„Wald hat Zukunft“ lautete passend zum „Internationalen Jahr des Waldes“ jüngst das Motto der dritten Pflanzaktion in Murr. Vom Kind bis zum Senior waren die Murrer gekommen. Sogar der zuständige Jagdhund samt Herrchen legten Pfote und Hand an, um auf der Fläche der ehemaligen Obstanlage einen standortgerechten Wald zu pflanzen.
Bürgermeister Manfred Hollenbach blickte einleitend zurück. Der Landkreis zeichnet sich durch ausgeprägte Waldlosigkeit aus. Nur 17 Prozent der Landkreisfläche sei bewaldet, sagt Hollenbach. Murr selber ist Waldgemeinde. Der Wald liegt freilich jenseits der Gemarkungsgrenze – im Hardtwald, einen ehemaligen Gemeinschaftswald mehrerer Kommunen, hat Murr über 130 Hektar Anteil.
Ansonsten herrscht im Kreis fast Grabesstille in Sachen Waldesruh. Alles Gebäum ist längst gerodet. Dabei wäre Wald wichtig, als klimatischer Ausgleichsfaktor, als Frischluftlieferant. Als einst der Landkreis seiner eigenen Waldnacktheit gewahr wurde, suchte man ein Feigenblatt, fragte unter den Kommunen nach, ob eine bereit wäre, Zeichen und Bäumchen für den Wald zu setzen.
In Murr ging ein Finger nach oben. Es war der vom damaligen Gemeinderat Hermann Blattert. Er schlug 1998 vor, die ohnehin nur leidlich fruchtbare Obstanlage südlich vom Ort in einen natürlichen Laubwald zu verwandeln. Die 1959 entstandene Obsterzeugergenossenschaft Murr eG war schon 1990 aufgegeben worden. Die Obstanlage am Nordhang lag ungünstig. Und es vollzog sich auch der gesellschaftliche Wandel weg von der Landwirtschaft.
„Ich glaubte es nicht“, gesteht Hollenbach heute frei zum Funktionieren von Blatterts Waldidee. Aber man sprach mit den Eigentümern, eine Parzelle nach der anderen konnte erworben werden.
Der Tag der ersten Pflanzung 2007 war ein frösteliger und schneeregnerischer Märztag, wie Hollenbach erinnert. Aber „das Meiste ist damals angewachsen“, zeigt er zufrieden auf jene Fläche, wo die Setzlinge von damals schon Höhe gewonnen haben. Eine zweite Pflanzaktion wurde 2009 mit der Schule durchgezogen. Und jetzt eben auf weiteren 0,74 Hektar Teil drei der Aktion. Insgesamt sollen 4,75 Hektar Wald entstehen, nach und nach und mit richtiger Struktur bis hin zum Trauf aus Sträuchern.
Der Natur in Murr soll der Wald eine wichtige Facette hinzufügen. Das Stichwort Biotopvernetzung nannte Förster Jürgen Weis in diesem Zusammenhang und wies dabei nach Westen, hin zu den Streuobstwiesen. Die Natur freilich hat auch Überraschungen parat, wie Weis zeigte. Ein paar Setzlinge von damals waren gleichsam entwurzelt, angefressen. „Wenn einer weiß, wie man mit Schermäusen fertig wird...“, fragte er um Rat aus der Runde.
Da mag sich Jaghündin Bella (1) angesprochen gefühlt haben. Mit ihrem Herrchen Marco Holzwarth war sie aus Rielingshausen angereist. Holzwarth hat in dem entsprechenden Murrer Jagdrevier einen Begehungsschein und er berichtet auch von einer munteren Rehpopulation, die sich selbst ohne Wald um Murr herum ganz wohl fühlt (weshalb der Jungwald eingezäunt werden musste, da er sonst längst abgevespert wäre). Bella jedenfalls inspizierte mit Begeisterung jedes Loch auf Mäusefreiheit, eher Marco Holzwarth das Bäumchen setzen konnte. Auch Hermann Blattert, Erfinder der Waldidee und inzwischen 73 Jahre alt, schaffte mit. Ein bissle spät dran sei man mit dem Pflanzen, meinte er, die Sorge schwang mit, dass die Setzlinge womöglich verrecken. Aber der Boden, ein tiefgründiger sandiger Lehm, sei gut, da schlage der Baumnachwuchs wohl noch Wurzeln.
So ein Wald tut dem Gemüt ganz gut. Dass Gut Ding Weile braucht, wird hier zum Erlebnis - für Rita Maiers Enkel Kira, Svea und Hendrik, für Silke Rabes Söhne Max und Felix. Wenn die Kinder einst selbst welche haben, ist der Wald aus ihren Händen zwar schon deutlich gewachsen. Aber bis es ein echter Wald sein wird, braucht es zwei Generationen. „Eile mit Weile“, will er wohl sagen...
mgb
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