06. August 2010

Neun schöne, entspannte Jahre am Gymnasium

Als ich 2003/2004 am Gymnasium eingeschult wurde, war es für mich und meine Eltern sofort klar, dass ich das neunjährige Gymnasium machen werde. Meine Eltern wollten mir die Schulzeit so erträglich wie möglich machen und waren sich einig, dass ein Jahr mehr nicht schaden würde. Zu meiner Zeit konnte man sich auch noch aussuchen, wie lange man am Gymnasium bleiben möchte. Jetzt nicht mehr. Was zeigt die Erfahrung?

Hanin Yasin
Als ich 2003/2004 am Gymnasium eingeschult wurde, war es für mich und meine Eltern sofort klar, dass ich das neunjährige Gymnasium machen werde. Meine Eltern wollten mir die Schulzeit so erträglich wie möglich machen und waren sich einig, dass ein Jahr mehr nicht schaden würde. Zu meiner Zeit konnte man sich auch noch aussuchen, wie lange man am Gymnasium bleiben möchte. Jetzt nicht mehr. Was zeigt die Erfahrung?

Drei Jahre später war meine Schwester an der Reihe, auf die weiterführende Schule zu kommen. Auch sie kam auf das Gymnasium, genau wie ich. Gleiche Schule, gleicher Weg- und doch ein Unterschied: Sie wird das Gymnasium in acht Jahren absolvieren müssen. Niemand bei uns in der Familie dachte sich groß etwas dabei, als klar wurde, dass sie ein Jahr weniger zur Schule gehen würde. Ich muss erst in der siebten Klasse eine zweite Fremdsprache dazulernen, während meine Schwester schon in der sechsten Klasse eine zweite Fremdsprache hinzunehmen wird.  Aber das sollte sich nicht als einziges Problem herausstellen. Ich hatte im Allgemeinen weniger zu tun. Ich war häufig schon früher mit meinen Hausaufgaben fertig und konnte mich getrost meiner wohlverdienten Freizeit widmen, während sie noch einiges zu tun hatte. Mehrere Vokabeltests in einer Woche, was bei mir nie in Frage käme. Meine Mutter sagte immer zu mir: „Dein Schulleben ist wirklich eindeutig entspannter!“ Womit sie nicht ganz Unrecht hat. Mein Schulstoff war schön über das ganze Schuljahr verteilt, ich hatte immer ausreichend Zeit, mich ordentlich vorzubereiten. Aber meine arme Schwester bekam schon im Alter von 13 Jahren zu spüren, was es bedeutet, in Stress zu geraten. Was mich am meisten schockiert, ist die Tatsache, dass sie mit ihren drei Jahren weniger mehr Stoff zu bewältigen hat.  
Aber auch für die Leute aus dem G9 wächst mit zunehmender Klasse der Druck und der Stress, keine Frage. Nur noch zwei Jahre und dann habe ich es auch geschafft. Ich muss zwar mein Abitur mit den G8ern machen, was bedeutet, dass wir doppelt so viele sind, aber ein schwacher Trost ist, dass das Abitur nicht allzu schwer werden würde, weil es sich die Politik nicht leisten kann, Schüler durchfallen zu lassen.

Den G8 wird man nicht abschaffen, davon bin ich überzeugt. Aber ich habe oft das Gefühl, dass die Politiker sich gar nicht bewusst sind, was für ein Problem sie dadurch geschaffen haben.
Hanin Yasin
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Anzeige
Digitale Beilage
UMFRAGE
Kanzlerkandidaten

In der SPD tobt die Debatte über den Kanzlerkandidaten. Wer sollte aus Ihrer Sicht Amtsinhaberin Angela Merkel herausfordern?

UMFRAGE
Smartphones

Sollen Smartphones in Schulen verboten werden?

Zeitschriftenvorteil