Besigheim | 09. Dezember 2010

Sicherer Arbeitsplatz für psychisch Kranke

Integration und Technik – diese beiden Begriffe vereint die gemeinnützige Intec nicht nur in ihrem Namen. Die GmbH gibt psychisch Kranken die Chance, ohne Druck zu arbeiten. Im Industriegebiet Ottmarsheimer Höhe bauen die Beschäftigten unter anderem Stromverteilerboxen zusammen.


Bilder: Holm Wolschendorf
Integration und Technik – diese beiden Begriffe vereint die gemeinnützige Intec nicht nur in ihrem Namen. Die GmbH gibt psychisch Kranken die Chance, ohne Druck zu arbeiten. Im Industriegebiet Ottmarsheimer Höhe bauen die Beschäftigten unter anderem Stromverteilerboxen zusammen.

Die Intec ist nicht groß. Die Verwaltung der Elektronikfirma teilen sich die beiden Geschäftsführer Paul Möhrer und Martin Link. Gemeinsam mit drei Mitarbeitern – gelernten Elektro-Fachkräften – leiten sie die sieben psychisch erkrankten Beschäftigten an. Einer dieser Beschäftigten ist Gerhard Spieth. Der gelernte Übersetzter hat psychische Probleme und sagt offen: „Es ist mir lange nicht leichtgefallen, jeden Tag zur Arbeit zu gehen.“ Doch seit fünf Jahren arbeitet er in Besigheim und übernimmt dort einfache Montagearbeiten in der Produktion. Eine geregelte Arbeit zu haben, sei eine große Hilfe.
Hergestellt werden in der Intec unter anderem Informationsterminals und Steuerungen für Pelletheizungen. „Unser Ziel ist es, schon bei der Entstehung eines Produktes dabei zu sein und am Ende das Produkt komplett zu fertigen“, sagt Geschäftsführer Link. So kann die Firma bei der abschließenden Qualitätskontrolle auch garantieren, dass mögliche Fehler der eigenen Mitarbeiter behoben werden. Das ist gerade bei Beschäftigten mit Psychosen wichtig, deren Arbeitsleistung schwankt.
„Jeden Tag geht es darum zu erkennen, was für die Beschäftigten möglich ist“, sagt auch Bernhard Vogel. Der Elektrotechniker ist einer der Mitarbeiter, der die psychisch Kranken unterstützt und selbst komplexere Arbeitsschritte übernimmt. „Einzuschätzen, wie belastbar jemand gerade ist, ist immer wieder eine Herausforderung“, sagt Vogel, der sich bewusst für die Intec entschieden hat. Denn so könne er seinem erlernten Beruf nachgehen und werde gleichzeitig seinem christlichen Menschenbild gerecht. „Es ist wichtig, sich für Schwächere einzusetzen.“
Dass in der Intec psychisch Kranke arbeiten, ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Doch es beeinflusst die Arbeitsweise in verschiedenster Hinsicht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Unternehmen kennen die Beschäftigten der Intec zum Beispiel die Lieferzeiten für die Produkte nicht. Nur die verantwortlichen Mitarbeiter wissen, wann ein Auftrag erledigt sein muss. Eine bewusste Entscheidung der Geschäftsführung. „Gerade unsere Beschäftigten können großem Druck nicht standhalten“, sagt Martin Link. Wüssten sie um eine Abgabefrist, sei es durchaus wahrscheinlich, dass sie sofort nach Hause gingen, erklärt der Geschäftsführer. Dass kein Zeitdruck auf die Beschäftigten ausgeübt wird, verlangt vor allem mehr Einsatz von den Geschäftsführern. Droht es Schwierigkeiten bei einer Lieferfrist zu geben, springen Link und Paul Möhrer vielfach ein und machen Überstunden, um Aufträge fristgerecht erledigen zu können.
Die Überstunden leisten die Geschäftsführer ehrenamtlich, denn sie haben die Intec aus Überzeugung mit aufgebaut. Hervorgegangen ist das Integrationsunternehmen aus einer Initiative des CVJM Mundelsheim. Die Idee: Suchtkranken und Menschen mit Psychosen nach ihrer Therapie eine feste Arbeitsmöglichkeit zu bieten. Mit der Umwandlung in eine GmbH vor vier Jahren konzentrierte der Betrieb seine Arbeit auf psychisch Kranke. Hauptziel der Intec ist es, Zwischenstation auf dem Weg zum normalen Arbeitsmarkt zu sein. Das aber funktioniere nur begrenzt, schränkt Geschäftsführer Martin Link ein. Nur selten schaffe ein Beschäftigter der Intec den Sprung zurück auf den ersten Arbeitsmarkt. Viele würden höheren Anforderungen dort nicht standhalten.
„Die Menschen, die bei uns arbeiten, haben Depressionen, leiden zum Beispiel unter einer Trennung und können nicht mehr die normale Arbeitsleistung erbringen“, sagt Martin Link. Um diesen Menschen Sicherheit zu geben, stellt die Intec ihre Beschäftigen unbefristet ein und garantiert auch im Fall von längeren Ausfällen die Weiterbeschäftigung. „Die Intec hat zum Beispiel die Fehlzeiten getragen, die ich nach einer schweren Operation hatte“, erklärt Gerhard Knauer. Der gelernte Fertigungskontrolleur arbeitet seit 1997 in der Intec. Schon vor seiner Operation war er seelisch nicht mehr leistungsfähig genug für die freie Wirtschaft.
Da psychische Leiden immer noch gesellschaftlich wenig anerkannt sind, verlangt die Intec keine Schwerbehindertenausweise – auch, wenn die GmbH dadurch staatliche Zuschüsse für den entsprechenden Mitarbeiter bekäme. „Wer kann schon genau sagen, wie lange eine Depression dauert“, sagt Link.
Die Wartelisten für einen Arbeitsplatz auf der Ottmarsheimer Höhe sind lang. Eingestellt werden Menschen, die nach einer Therapie nicht den Sprung zurück auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen. In naher Zukunft plant die Intec, die Werkstatt in Besigheim auszubauen und gleichzeitig neue Stellen zu schaffen. Zwar verzeichnete die GmbH 2009 durch die Krise Auftragseinbrüche, doch der Förderverein Mundelsheimer Bruderschaft, der die GmbH trägt, musste nicht einspringen. Denn für den Ausbau der Werkstatt hatte die GmbH bereits Rücklagen gebildet – so wurde nur der Ausbau verschoben.
Die Krise sei glücklicherweise auch für die Intec zu Ende, sagt Geschäftsführer Link und blickt optimistisch in die Zukunft. Hilfreich sei, dass das Unternehmen Produkte von der Konzeption bis zur Realisierung betreue. Dadurch habe die Intec ein gutes Netzwerk, was Geschäftspartner schätzten.
Heike Armbruster
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