21. Juni 2010

Sieben Länder in zwölf Tagen

Bernstein, Birken und Matroschkas: LKZ-Leserreise zu den Perlen der Ostsee
Wie die Perlen an einer Bernsteinkette reihen sich die schmucken Ziele der Ostkreuzfahrt vom 29. Mai bis 9. Juni 2010 mit MS Athena aneinander: Kiel – Stettin – Danzig – Klaipeda – Riga – Tallin – St. Petersburg – Helsinki – Stockholm – Kiel.

Bernstein, Birken und Matroschkas: LKZ-Leserreise zu den Perlen der Ostsee
Wie die Perlen an einer Bernsteinkette reihen sich die schmucken Ziele der Ostkreuzfahrt vom 29. Mai bis 9. Juni 2010 mit MS Athena aneinander: Kiel – Stettin – Danzig – Klaipeda – Riga – Tallin – St. Petersburg – Helsinki – Stockholm – Kiel.
Wir sind im Osten. Schon bei der Ausfahrt aus dem Hafengelände wird deutlich, dass wir Neuland betreten. Verostete, schief in ihren Angeln hängende Eisentore, bröckelnder Putz an Plattenbaufassaden, Unkraut, das sich seinen Weg durch Ritzen im Betonboden sucht. Stettin, erste Station der Ostseekreuzfahrt, präsentiert sich, wie viele Städte hinter dem einstigen Eisernen Vorhang, erst im Stadtzentrum aufgeräumt, adrett und gepflegt. Auch zwanzig Jahre nach der Wende ist der Ostwind noch deutlich spürbar.
Dzien dobry, Polska – guten Tag, Polen. Tak, tak –  ja, ja, man hat es nicht leicht jenseits der Oder, wo Autos, Handys oder Fernseher dasselbe kosten wie bei uns, die Gehälter aber noch weit unter westlichem Niveau liegen. Aber Bier ist preiswert, Wodka auch, ebenso die Preise im Restaurant. Der Tourismus in Polen nimmt deshalb deutlich zu, Befürchtungen, das Land im eigenen Auto zu erkunden, dagegen ab. Vorbei sind die Zeiten der platten Sprüche „kaum in Polen schon gestohlen“.

Bier ist preiswert, Wodka auch
Nach Osten. Die Landschaft ändert sich kaum. Was sich bereits in den neuen Bundesländern abzeichnet, setzt sich bis Russland fort: Wiesen, Sand und Kiefernwälder, Birken, Schilf und viele Seen.
Danzig ist großartig. Nur nicht bei Regen. Starkem Regen. Armdick schwallen Sturzbäche aus den Fratzen der Wasserspeier von Rathausturm und Marienkirche, Europas größter Backsteinkirche. Das Wasserspiel des Neptunbrunnens wird eins mit den Wassermassen von oben. Das Wahrzeichen der Stadt, das Krantor, bietet kaum Unterschlupf. Einer Blechtrommel gleich prasselt der Regen auf die Dächer. Ob sich im Hafenbecken immer noch Aale tummeln?
Schnell zum nächsten Highlight: Kein Besucher kann sich der Spurensuche deutscher Hinterlassenschaften im Lande der Kaschuben entziehen. Die Marienburg, trutzige Bastion des Deutschen Ordens bei der Landgewinnung im Osten, legt hierüber beredt Zeugnis ab. Nach Osten. Ins Baltikum, dem die Ostsee in den meisten Sprachen ihre Bezeichnung Baltisches Meer verdankt. Litauen, Lettland, Estland, drei Staaten, deren wechselvolle Geschichte eng mit der russischen, polnischen und schwedischen verbunden ist.
Aber auch mit der deutschen. Von der Maas bis an die Memel ... 
Memel, heute Klaipeda, war zu Napoleons Zeiten sogar einmal die Hauptstadt Preußens. Heute wie damals ist es Ausgangspunkt für die Fahrt über die Kurische Nehrung in Richtung der russischen Exklave Kaliningrad, Königsberg.
Thomas Mann tankte in seinem Haus in Nida/Nidden auf der Nehrung Sommerfrische.
14 Dörfer versanken hier im 17. und 18. Jahrhundert nach Abholzung der Wälder unter meterhohen Wanderdünen. Zweihundert Jahre später legte der Wind die Knochen aus einst verwehten Friedhöfen wieder frei. Auch das Ständchen mit Ännchen von Tharau auf dem Theaterplatz bewegt die Gemüter.

200 Jahre später legte der Wind die Knochen wieder frei
In der Jugendstilstadt Riga ist die Sonne wieder da. Endlich. Seit dem ersten Tag in Kiel schmerzlich vermisst, wird sie  für den Rest der Reise ständiger Begleiter sein. Die Ludwigsburger Walckerorgel in Rigas Dom, die drittgrößte weltweit, wird zurzeit restauriert. Wie die Orgelpfeifen präsentieren sich derweil die Kinder der Folkloretanzgruppe Dzintarins. „Die sollten wir mal ins Forum einladen“, schlägt eine Dame aus Freiberg vor. Mit ihren blonden Zöpfen könnten die Mädchen dann gleich beim LKZ-Rapunzelwettbewerb teilnehmen.

Eine Kalaschnikow für 600 Euro
Tallinn, das frühere Reval, präsentiert sich mittelalterlich. In historischen Kostümen werden gebrannte Mandeln feilgeboten, Spielleute beleben die engen Gassen. Befremdend wirkt dagegen der freie Verkauf „historischer“, betriebsbereiter Schusswaffen in einem Antiquitätengeschäft, darunter eine Kalaschnikow für 600 Euro.
Nach Osten. St. Petersburg, ebenso wie Ludwigsburg erst vor rund dreihundert Jahren gegründet oder in diesem Fall aus dem sumpfigen Boden ge-stampft, verdient mit seinen vielen Kanälen zweifellos die Bezeichnung „Amsterdam des Nordens“. Leningrad hieß es lange Zeit. Und Lenin lebt, als Denkmal. Und die Russen leben auch, zumindest die, die es sich leisten können. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesig. Unter St. Petersburgs fünf Millionen Einwohnern rechnet man mit wenigstens drei Prozent Reichen, sprich 150.000 – nicht gerade wenig.


Die Kluft zwischen arm und reich ist riesig
Das war schon immer so, sagen die Russen, mit Blick auf die jüngste Vergangenheit und die Zarenzeit. Mit welchem Prunk ein Zar sich einst umgab, erfährt der Besucher bei den Besuchen im Stadtschloss, dem Winterpalast mit angrenzender Eremitage und den beiden Schlössern Peterhof und Katharinenpalast vor den Toren der Stadt. Schloss Ludwigsburg mit seinem Blühenden Barock ist ja schon einzigartig und durchaus pompös. Einem direkten Vergleich mit den Petersburger Anlagen hält es aber nicht mehr stand. Die Zaren blendeten einfach zu gerne mit Unmengen an Blattgold und liebten Wasser-spiele über alle Maßen.
Die Uhr wurde bis St. Petersburg zweimal vorgestellt. Wir feiern zumindest eine der „weißen Nächte“. Erst kurz vor elf geht die Sonne unter, vor vier Uhr auch schon wieder auf. Es wird nicht richtig dunkel.

Weiße Nächte – es wird nicht richtig dunkel
Nach Westen. Erste Rückwegstation ist Helsinki. Nach den osteuropäischen Städten fühlt man sich auf irgendeine, schwer erklärbare Weise wieder heimisch. Finnland ist Euroland und hat gerade einmal fünf Millionen Einwohner, so viel wie St. Petersburg. Sie verteilen sich auf eine Fläche der Größe Deutschlands. Viel Wald, viele Seen, viel gar nichts, außer Nokia, Rennfahrern und guten Pisastudien-Leistungen vielleicht.
Viel los ist dagegen in Stockholm. In zehn Tagen, genau an dem Tag, an welchem dieser Beitrag erscheint, geben sich Kronprinzessin Victoria von Schweden und deren einstiger Fitnesstrainer Daniel Westling das Jawort. Die Straßen sind schon blaugelb beflaggt.
Mit fünf Worten Schwedisch kommt man übrigens schon recht weit: hej, hej heißt hallo, hej do tschüs und tak nicht ja, wie in Polen, sondern danke. Ja heißt ja und nej nein. Was braucht man mehr? Einen letzten Tag an Bord, einen Seetag, bevor MS Athena wieder in Kiel anlegt. Mit dem Sonderzug geht es quer durch Deutschland bis nach Kornwestheim. Gleichermaßen erholt von der vielen frischen Luft und erschöpft von den zahlreichen Eindrücken freut man sich dennoch auf das eigene Bett.

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