KORNTAL-MÜNCHINGEN | 04. September 2008

Tod als Teil des Lebens begreifen

Auch der Tod gehört zum Leben. In unserer schnelllebigen Zeit wird das oft verdrängt – selbst in Altenheimen. Das Seniorenzentrum Spitalhof in Münchingen geht einen anderen Weg. Hier wird das Lebensende in die tägliche Pflegearbeit integriert.

Bild: Alfred Drossel

Inge Mertelbauer hat eine Odyssee hinter sich. Nachdem es der alten Dame wegen einer Fehlfunktion ihrer Drüsen gesundheitlich zunehmend schlechter ging, kam sie immer wieder in Stuttgarter Krankenhäuser.
In einem wurde sie falsch behandelt, die Ärzte gaben ihr zu viel Kortison. Weil ihr zu Hause schwindlig wurde und sie oft hinfiel, zog sie in den Spitalhof. „Ich bin ziemlich malad hierhergekommen“, sagt sie rückblickend. Sie saß im Rollstuhl und hatte viele offene Wunden.
Im Spitalhof besserte sich ihr Zustand. Jetzt kann sie wieder laufen und strahlt Lebensfreude aus. „Ich fühle mich einfach wieder fitter“, freut sich die Seniorin. „Ich falle nicht mehr um, das Personal schaut nach mir. Zu Hause würde niemand bemerken, dass es mir schlecht geht.“
Träger des Pflegeheims ist die evangelische Altenheimat. Das Haus in Münchingen wurde 2006 im historischen Spitalhof eröffnet. Hier sind 75 Pflegeplätze für ältere Menschen sowie 40 seniorengerechte Wohnungen entstanden.
In der Pflege wird ein ganzheitlicher, palliativer („lindernder“) Ansatz verfolgt. Die Heilung ist dabei nur ein Aspekt. Der Austausch zwischen Pflegern und Ärzten soll das gegenseitige Verständnis fördern.
Großer Wert wird auch darauf gelegt, ein angenehmes soziales Umfeld für die Bewohner zu schaffen. „Die Leute sollen sich bei uns wie zu Hause fühlen“, betont die stellvertretende Pflegedienstleiterin Sibylle Hentrich.
„In einem Gespräch mit den Angehörigen erfahren wir zunächst etwas über die Biografie des Bewohners. So können wir auf jeden Menschen individuell eingehen“, sagt Altenpflegerin Gea Kuhlmann. Die Bewohner haben nach dem Einzug Ängste, weil sie ihr gewohntes Leben notgedrungen zurückgelassen haben. „Wir wollen ihnen neuen Mut geben, ihr Selbstbewusstsein stärken“, sagt Hentrich.
Dass der Tod ein Teil des Lebens ist, wird im Spitalhof bewusst nicht verschwiegen. Wenn ein Bewohner stirbt, trägt ihn der Bestattungsunternehmer in einem Sarg durch den Haupteingang hinaus.
Im Jahr 2005 gründete sich eine Arbeitsgruppe, die Richtlinien für den Umgang mit sterbenden Bewohnern erarbeitete. Ein Faltblatt für Angehörige wurde entworfen. „Wir wollen den Sterbenden auch in den letzten Stunden mit Respekt behandeln“, sagt Kuhlmann. Die Lieblingsmusik des Bewohners wird gespielt, er trägt seine bevorzugte Kleidung, auf Wunsch wird aus der Bibel vorgelesen.
Bewusst wird das ganze Team in die Arbeit einbezogen. Nicht nur Pflegerinnen und Notärzte, auch Putzfrauen und Hausmeister lernen, wie sie sich verhalten müssen, wenn ein Patient stirbt.
Todesfälle werden im Speisesaal bekannt gegeben, anschließend betet man gemeinsam. Erstmals fand kürzlich ein Erinnerungscafé statt. Einmal im Quartal wollen sich in Zukunft Angehörige, Bewohner und Pflegepersonal gemeinsam an die in diesem Zeitraum gestorbenen Bewohner erinnern. „Die Bewohner sollen angenehm leben – und sterben“, sagt die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Irene Glück.

Frank Klein
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