09. Juni 2009

Über Knowbotic Research

Knowbotic Research
 
Die Künstlergruppe Knowbotic Research wurde 1991 von Yvonne Wilhelm, Christian Hübler und Alexander Tuchacek gegründet. Seit Beginn arbeitet die Gruppe in den Bereichen Neue Medien und Medientechnologie und deren Bedeutung für die Gesellschaft. Öffentlichkeit geht bei Knowbotic Research über den öffentlichen Raum hinaus, sie sensibilisiert in ihren Projekten für die technologische und mediale Fragmentierung von Öffentlichkeit und die politischen und gesellschaftlichen Folgen von solchen Fragmentierungen.

Ihr Interesse in den letzten Jahren gilt  vor allem Informations- und Wissensstrukturen in den komplexen Erfahrungs- und Handlungsräumen in der urbanen Öffentlichkeit. Bei ihren analytisch-künstlerischen Untersuchungen, die sie „Testfälle“ nennen, gehen sie davon aus, dass das was traditionell als Stadt begriffen wurde, ein räumlich, zeitlich und politisch definierter Ort ist, der unter den Bedingungen von Telematik, Telekommunikation, digitalen Netzwerken, verteilten Produktionssystemen und weltweiten Finanzmärkten nicht länger unter dem Begriff des Lokalen zu fassen ist. Stattdessen werden vielfältige lokale Positionen über verschiedene Technologien und Strategien miteinander in einem stets veränderlichen translokalen Netzwerk miteinander verbunden und in Reibung gebracht.  

Mit ihren Testfällen schaffen sie Situationen, in denen sich solche Veränderungen der Öffentlichkeit exemplarisch beobachten lassen. So ließen sie im Sommer 2008 einige Tage in Zürich einen Schwertransporter zirkulieren, auf dessen Ladefläche sieben übergroße Buchstaben standen, die das Wort NEWBORN ergaben. An verschiedenen öffentlichen Orten versuchte der Lastwagen seine Fracht abzuladen, was nie gelang, weil der Lastwagen aufgefordert wurde, weiterzufahren. Kommentiert wurden die Zustellungsersuche von zwei Rappern in verschiedenen Sprachen.  
Mit dieser urbanen Intervention weist die Künstlergruppe darauf hin, wie im lokalen Raum, hier am Bespiel Zürichs, diverse Netzwerke des Translokalen in unterschiedlicher Art temporär Präsenz im Lokalen entwickeln: Die überwiegende Mehrheit der Passanten dürfte das Zeichen NEWBORN als Werbebotschaft verstanden haben. Die ursprüngliche Bedeutung des Zeichens, von einer weltweit agierenden Designer-Firma entworfen und als Skulptur am Tag der Unabhängigkeitserklärung auf einem Platz in Pristina enthüllt, werden wohl vorwiegend Migranten aus dem Balkan und politisch Informierte erkannt haben. Das Zeichen erhielt internationale Preise und wurde weltweit in den Medien veröffentlicht. Mit dem Ergebnis, dass die Medien dem Kosovo eine Identität als „neugeborenes“ Land zugeschrieben haben. Der Titel des Testfalls „NEWBORN – undeliverable?“ weist auf weitere gesellschaftliche Fragestellungen hin: Was kann heute Neubeginn sein und was nationale Identität. Und was bedeutet das für Immigranten.  

Als ein weiteres Beispiel für ihre Arbeiten mit so genannten Testfällen sei hier noch die interaktive Installation „naked Bandit/here, not here/white sovereign“ angeführt, die sich mit Fragen von Herrschaft und ihres Wirkungsraums auseinandersetzt. Ein schwebender Roboter kann von Besuchern dazu animiert werden, frei schwebende schwarze Ballons in einem begrenzten Raum anzusteuern. Für Knowbotic Research bilden die Ballons eine Analogie zu inhaftierten Terrorverdächtigen, deren gesetzlicher Status in einem bestimmten Territorium nicht geregelt ist, so dass sie der Willkür ausgesetzt sind. Der Testfall ist so angelegt, dass die „BesucherInnnen“ akustisch, visuell, haptisch und als aktiv Eingreifende die Erfahrung von Eingeschlossen- und Ausgeschlossenheit, von ein- und ausschließen machen. Sie erfahren, dass sie wie auch in der Gesellschaft Prozesse initiieren, über deren exaktes Zustandekommen und deren Auswirkungen sie keinen Überblick haben.


Biografie

1991-1993
Studium der Mitglieder an der Kunsthochschule für Medien, Köln

1991-1992
Research Fellows, Kunsthochschule für Medien, Köln

1991
Gründung der Künstlergruppe Knowbotic Research in Köln durch Yvonne Wilhelm, Christian Hübler, Alexander Tuchacek.

seit 1998
Gemeinsame Professur an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich.


Ausstellungen (Auswahl)

2005
„Mapping New Territories“, Neue Kunsthalle, St. Gallen
„Naked Bandit v3.0“, Transmediale Berlin

2004
ART FICIAL EMOTION, ITAU Sao Paolo

2003
„El banquete”, Palacio Virreina, Institutio Cultura Barcelona MIMAR, Videotage Honkong.

2002
„Open_Source_Art_Hacking“, New Museum for Contemporary Art, New York

2001
„Abstraktion und Ornament“, Fondation Beyeler, Basel
„Paradiese der Moderne“, Bauhaus Dessau

2000
„Aussendienst“, Kunstverein Hamburg

1999
„IO_lavoro immateriale“, 48. Biennale Venedig (österr. Pavillon)
„Net_Condition“, ZKM Karlsruhe


Stipendien / Preise / Auszeichnungen (Auswahl)

2000
ZKM-Medienkunstpreis

1998
„Goldene Nica“ der Ars Electronica

1995
Siemens Medienkunstpreis

1993
“Goldene Nica” der Ars Electronica
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Anzeige
UMFRAGE
Kanzlerkandidaten

In der SPD tobt die Debatte über den Kanzlerkandidaten. Wer sollte aus Ihrer Sicht Amtsinhaberin Angela Merkel herausfordern?

Zeitschriftenvorteil