09. Juni 2009

Über Timm Ulrichs

Timm Ulrichs
      
Timm Ulrichs ist zweifellos einer der wichtigsten deutschen Konzept- und Aktionskünstler. Er, der sich selbst als Totalkünstler, bzw. Totalkunstwerk bezeichnet, arbeitet auf dem Gebiet der Skulptur, der Performances, der Video- und Fotokunst, der konkreten Poesie sowie der Installation. Der Begriff Totalkunst, den Ulrichs für seine Kunstproduktion verwendet, meint in diesem Zusammenhang nicht nur die Einbeziehung der verschiedenen künstlerischen Darstellungsformen, sondern auch die Tatsache, dass er mit seiner Kunst  die unterschiedlichsten Aspekte unseres Umgangs mit der Welt befragt: von philosophischen Denkprozessen über unser Verhältnis zu Tod, Sex, Pornografie  bis hin zum alltäglichen Handeln.

Der Ausgangspunkt  für seine vielgestaltigen Analysen  und Arbeiten ist zumeist sehr real und konkret: „Ich selbst bin mein beliebtestes (Menschen-) Material, ebenso wie alles und jedes, das in meiner Reichweite sich befindet und mir vor die Füße fällt. Meine Aufmerksamkeit richtet sich immer wieder auf das, womit der Mensch sich einrichtet und das Leben möbliert und ausstattet: Tisch, Stuhl und den Boden der Tatsachen als diejenigen Bretter, die die Welt bedeuten und Welt sind.“ (Timm Ulrichs)

In den meisten seiner Arbeiten geht Ulrichs den Dingen auf den Grund, untersucht die Bilder der Sprache und formt Sprache zu Bildern wie in seiner Arbeit Kopf-Stein-Pflaster aus dem Jahr 1980, bei der Nachbildungen des Kopfs des Künstlers  zu einer Straßenbepflasterung arrangiert sind. Seine Arbeiten sind immer so umgesetzt, dass der Betrachter trotz aller Hinter- und Tiefgründigkeit erkennt, worum es dem Künstler geht.

Einer seiner letzten großen Arbeiten, Das versunkene Dorf, wurde 2006 in München-Fröttmaning im Rahmen des Quivid Kunst-am-Bau-Programms realisiert. Das Dorf Fröttmaning, das bereits in den 30er Jahren durch den Bau der Reichsautobahn bedrängt wurde, verschwand endgültig, als in den 50er Jahren  auf der Dorfgemarkung eine  Mülldeponie angelegt wurde. Die Stadt Mün-chen erwarb die Bauernhöfe und begrub im Laufe der Zeit das entvölkert Dorf mit dem Müll der Münchner Bevölkerung. Erhalten blieb nur wegen des Engagements von Bürgern die romanische Heilig-Kreuz-Kirche, die sozusagen die Protagonisten seines mit dem 1. Preis prämierten Entwurfs eines geladenen Kunstwettbewerbs wurde, der von der Stadt München für die „öffentliche Infrastruktur für die Allianz-Arena“  ausgelobt worden war. Ulrichs ließ eine aus Betonteilen angefertigte Replik der Kirche, parallel verschoben in einer Entfernung von 150 Metern vom Original, in die Mülldeponie versenken. Entstanden ist ein eindrucksvolles Bild von großer Evidenz, das nicht nur ortbezogen seine Gültigkeit beanspruchen kann. Es ist ein prägnantes Bild für die im Namen des Fortschritts begangene Zerstörung und dem damit verbundenen Prozess des Vergessens.


Biografie

Geboren 1940 in Berlin   

1959-1966
Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Hannover  

1961
Gründung der „Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus“  

1972
Professor an der Kunstakademie Münster  


Ausstellungen und Projekte (Auswahl)

2002
„Timm Ulrichs – Das Druckgraphische Werk“, Spengel Museum, Hannover  

2001
„van huis tot huis“, Openluchtmueum voor beeldhouwkunst Middelheim, Antwerpen  

1999
„Timm Ulrichs macht mobil“, Galerie Blau, Freiburg  

1988
„mit Photografie“, Museum für Photografie München
„Aus Gedankenfluß und Bewusstseinsstrom“, Westfälisches Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster  

1984
Kubus an der Aegidienkirche Hannover  

1975
„Retrospektive 1960 – 1975“, Karl-Ernst-Osthaus
Museum Heidelberger Kunstverein; Kunstverein Braunschweig  

1973
„Stil der Stillosigkeit“, Kunstverein Celle  

1971
„Kopf- und Körperkunst“, Städtisches Museum Wiesbaden  

1969
„Totalkunst“, Museum Haus Lange, Krefeld  

1966
„Das erste lebende Kunstwerk“, Galerie Pato, Frankfurt
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