LUDWIGSBURG | 24. September 2008

Vater, Mutter, Bruder in den Tod getrieben

Die Szylits waren eine Familie wie viele andere auch: Vater, Mutter, zwei Söhne. Die Zeiten waren schwer damals, in den 20er und 30er Jahren. Das Geld reichte nicht hinten und nicht vorne. Vater und Mutter mühten sich von früh bis spät. Und konnten doch nicht verhindern, dass die Familie bis auf den ältesten Sohn ausgelöscht wurde. Aber nicht Hunger und Armut brachten sie um. Sie mussten ihr Leben lassen, weil sie Juden waren.

Das Haus Hospitalstraße 37 in der Innenstadt. Putz blättert, braune Fensterläden aus Holz, ein eisernes Treppengeländer. So mag es auch ausgesehen haben, als Samuel und Anna Szylit mit ihrem zweijährigen Sohn Alfred hier einzogen. 1927 war das.
Zuvor hatten sie in einem Gartenhaus in der Kirchstraße 23 gewohnt, bei der Familie von Anna geborene Säbel. Die Szylits und die Säbels stammten aus Polen. Samuel Szylit wurde dort 1888 geboren, seine Frau Anna 1899. In der neuen Heimat Ludwigsburg kamen sie gerade so über die Runden. Anna Säbel hatte eine Anstellung in einem Kornwestheimer Büro gefunden. Ihr Mann war gelernter Hutmacher, aber durch Ludwigsburg zog er mit einem Handwagen. Er handelte mit Altpapier und Lumpen. Von Sonnenaufgang bis zum Abend war er unterwegs, verdient hat er nur Kleingeld.
Niemand hatte einen Grund, neidisch zu sein auf die Szylits. Sie schlugen sich tapfer durchs Leben in einer Zeit, wo fast alle arm waren, egal welcher Rasse oder Religion sie angehörten. Aber die Szylits waren Juden und das machte dann doch einen Unterschied in einer Zeit, wo Hass geschürt wurde.
Der kleine Alfred, geboren 1925, bekam das schon als Kind mit. Ab 1931 ging er in die Volksschule in der Asperger Straße. „Bis 1933 war ich dort sehr glücklich“, erinnert sich der einzige Überlebende der Familie. Aber dann übernahmen die Nazis die totale Macht. Das Kesseltreiben begann, auch Kinder wurden zu Feinden gemacht.
Die Schulkameraden wandten sich ab von dem Kind Alfred, das ein Jude war. Die Schule schloss ihn von Veranstaltungen aus, vom Unterricht zur Weltanschauung, vom Schullandheim.
Aber nicht alle stellten ihn an den Pranger. In der Hospitalstraße 37 wohnte auch Rolf Rein. Der war drei Jahre jünger und kein Jude und er blieb sein Spielkamerad. Er blieb einfach ein Kind, das nicht einsah, warum sein Freund von heute auf morgen sein Feind sein sollte.
Aber die auf Vernichtung eines ganzen Volkes angelegte NS-Maschinerie war ins Rollen geraten. Nur noch bis 1936 durfte Alfred die Volksschule besuchen. Dann blieben sein Platz auf der Schulbank und die der wenigen anderen jüdischen Mitschüler von heute auf morgen leer. Die Lehrer verloren kein Wort darüber, Fragen wurden nicht geduldet.
Der Besuch einer jüdischen Schule in Stuttgart war nur noch ein Intermezzo. Das Jahr 1938 kam, für die Szylits ein Schicksalsjahr, in dem das Verhängnis endgültig seinen Lauf nahm.
Große Freude wird wohl nicht mehr aufgekommen sein, als Alfred am 11. Juni 1938 in der Ludwigsburger Synagoge seine Bar Mitzwa feierte, die offizielle Aufnahme in die jüdische Religionsgemeinschaft.
Und die Geburt seines Bruders Max am 31. Juli desselben Jahres hat die Eltern nur noch sorgenvoller in die Zukunft schauen lassen. Am Abend des 28. Oktober wurde der Vater von der Gestapo verhaftet und nach Stuttgart gebracht. Die Familie musste sich am nächsten Tag auf der Polizeiwache in der Stuttgarter Königstraße melden. Dort sah Alfred seinen Vater zum letzten Mal – in einer Gefängniszelle.
Samuel Szylit wurde nach Polen verfrachtet. Dort holte ihn seine Schwester ab, brachte ihn nach Tschenstochau ins Ghetto. Mutter Anna und ihre Söhne bekamen noch sechs Monate Frist bis zu ihrer Ausweisung.
Eine Frist, die Alfred das Leben rettete. Am 5. Januar 1939 durfte er mit einem Kindertransport nach England ausreisen. Eine jüdische Familie nahm ihn auf. Aber seine Pflegefamilie konnte ihm nicht lange ein Zuhause bieten. Wegen Spionageverdachts wurde sie ins Lager gesperrt.
Alfred musste von einem Waisenhaus zum nächsten ziehen, bis er wieder eine Familie fand, die ihn aufnahm. Er ging erst zur Schule und dann zur britischen Armee, als Marinesoldat.
Was mit seinem Vater geschehen war, das wusste er nicht. Er wusste nicht, dass Mutter und Bruder längst nach Polen transportiert worden waren. Er wusste nicht, dass sie im September 1942 ihr Leben lassen mussten – im Ghetto, im KZ Auschwitz oder im KZ Treblinka. Wie und wo genau, das weiß er bis heute nicht. Die Todesnachricht war ihm nach Kriegsende überbracht worden, von einem Cousin, der Buchenwald überlebt hatte.
1949 wanderte Alfred Szylit in die USA aus. Heute wohnt er in Florida, hat zwei Kinder und drei Enkelkinder. Er hat doch noch gefunden, was er als Kind kaum kannte – eine glückliche Familie.
Einmal ist Alfred Szylit noch nach Ludwigsburg gekommen, im Mai 2001. Und da hat er gezeigt, dass er in dieser schrecklichen Zeit nicht nur sein Leben, sondern auch seine Menschlichkeit gerettet hat.
„Auf Deutschland“, so waren seine Worte, „empfinde ich keinen Hass.“

Wilfried Hahn
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