Ludwigsburg | 29. November 2016

Viele Facetten häuslicher Gewalt

„Unfassbar“, lautet der Titel der Ausstellung, mit dem der Verein Frauen für Frauen auf das Thema häusliche Gewalt an Frauen aufmerksam machen will. Die Plakate mit ihrer eindeutigen wie aufrüttelnden Botschaft wurden angesichts des Programms bei der Vernissage am Freitagabend in der Beratungsstelle fast zur Nebensache. Sandra Hehrlein und Jörg Pollinger vom Improvisationsthester Q-rage schafften es, dieses schwierige Thema ebenso ernsthaft wie unterhaltsam aufzugreifen.

Die Plakate sprechen eine klare Sprache.
Die Plakate sprechen eine klare Sprache.
Foto: Holm Wolschendorf

Die Vernissage fand am Internationalen Tag der Beseitigung von Gewalt an Frauen und Mädchen statt. Die Plakate für „Unfassbar – häusliche Gewalt einmal ganz öffentlich“ haben Studierende der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim entworfen. Viktoria Jarmer war eine von ihnen und berichtete, dass die Plakate 2012 auf Anregung des Frauenhauses Calw entstanden sind. „Wir haben während des Seminarkurses viel über die verschiedenen Formen der Gewalt erfahren“, sagte sie. Viktoria Jarmer hat auch die Einladungskarte mit dem Hinweis „Warnung vor dem Manne“ gestaltet.

Nicht so eindeutig sind einige der ausgestellten Plakate – zumindest auf den ersten Blick: Ein Plakat zeigt Figuren, mit denen Hochzeitstorten so gerne geschmückt werden: „Für viele Frauen bleibt nicht nur die Torte mit Schlag“, lautet der Text. „Für Leon gehören Mamas Angst und Papas Faust einfach zusammen“, heißt es auf einer anderen Illustration. Wer kennt nicht die Cartoons „Liebe ist...“ mit den niedlichen Figuren und ihren romantischen Botschaften. „Liebe ist... manchmal die Hölle“, zeigt ein Plakat wie die männliche Figur auf eine am Boden liegende Frau einschlägt.

Viel Applaus erhielten Sandra Hehrlein und Jörg Pollinger für die Darstellung verschiedener Formen von Gewalt, bei der Schläge und sexuelle Misshandlungen nur angedeutet und verbal aufgegriffen wurden. Kreativität bewiesen sie, als es um die finanzielle Abhängigkeit von Frauen ging und sie das Rollenverhältnis ins Gegenteil verkehrten.

„Häusliche Gewalt ist keine Privat- und keine Familienangelegenheit“, betonte Chris Scheuing-Bartelmess, Geschäftsführerin von Frauen für Frauen, in ihrer Begrüßungsrede. Die Vernissage hatte der Verein gemeinsam mit der Stadt Ludwigsburg organisiert. Der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Manfred Hollenbach verurteilte in seiner Rede häusliche Gewalt als „abscheulich“ und „unfassbar“. Für ihn handelt es sich dabei um einen Angriff auf die Freiheit, die Toleranz und die Sozialgemeinschaft. Er hob die Rolle von Frauenhäusern hervor, die Betroffenen Schutz und Hilfe in Notsituationen bieten. Adelheid Herrmann, Leiterin des Beratungszentrums häusliche Gewalt, wies auf eine bundesweite Befragung hin: Demnach hat jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren im Laufe ihres Lebens eine Gewalterfahrung gemacht. Ein Viertel der Betroffenen ist Opfer schwerer Gewalt geworden.

Im Jahr 2015 sind in Baden-Württemberg rund 1500 Frauen und 1700 Kinder in Frauenhäusern aufgenommen worden. Das seien bei weitem nicht alle Frauen, die sich um einen Platz bemüht hätten. „Wir müssen täglich verzweifelte Frauen vertrösten und abweisen“, berichtete Adelheid Herrmann aus der Praxis. Einige schaffen es trotzdem, ihr Lebensumfeld zu verlassen. Andere landen dagegen als Fall in der Polizeistatistik – als Opfer einer sogenannten Beziehungstat. „Kinder sind nicht nur Zeugen häuslicher Gewalt, sondern immer betroffen“, machte sie deutlich. Kritik übte sie an der Gesetzgebung in Baden-Württemberg, die Frauen mit eigenem Einkommen oder Studentinnen von der finanziellen Unterstützung beim Aufenthalt im Frauenhaus ausschließt.

Info: Ausstellung „Unfassbar – häusliche Gewalt einmal ganz öffentlich“ (bis zum 17. Dezember), Beratungsstelle Frauen für Frauen, Abelstraße 11, Kontakt: info@frauenfuerfrauen-lb.de.

Marion Blum
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