18. April 2008

Vom Taxifahrer zum Bosch-Ingenieur

Er fühlt sich integriert und ist deutscher Staatsbürger. Heimat sind für ihn Deutschland und die Türkei. Von seinem inneren Empfinden aber ist er ein Türke geblieben. Sueleyman Akbulut, der mit 16 Jahren nach Deutschland gekommen ist und sich in wenigen Jahren hochgearbeitet hat, verkörpert Möglichkeiten und Grenzen der Integration in die deutsche Gesellschaft.

Bild: Michael Fuchs

Das deutsche Kapitel der Akbuluts aus Westanatolien beginnt wie Millionen andere Gastarbeiter-Geschichten: 1973 kommt der Vater von Sueleyman Akbulut allein nach Bochum, um dort in einer Steinfabrik sein Geld zu verdienen. Seine Frau und seine sechs Kinder blieben zurück. Erst 1991 kommt die Ehefrau mit dem jüngsten Sohn – Sueleyman – auch nach Bochum.
„Ich kam mit gemischten Gefühlen“, erzählt der heute 33-Jährige. Die Lehrer in der Türkei rieten dem guten Schüler davon ab nach Deutschland zu gehen. „Du wirst dort nur ein Arbeiter, haben sie zu mir gesagt“, so Akbulut. Trotzdem ist er gegangen – ohne ein Wort deutsch zu sprechen. „Ich wollte den Westen kennenlernen“, sagt er. Die dicken Autos und die teure Kleidung, mit der die Gastarbeiter in ihre Heimatorte zum Urlaub kamen, waren für Akbulut Boten einer Zukunft im Wohlstand.
In Deutschland wurde er schnell enttäuscht. Zusammen mit seinen Eltern lebte er in einem heruntergekommenen Appartement in Bochum. Dusche und Toilette befanden sich auf dem Flur, Akbulut musste in der Küche auf dem Boden schlafen. In der Türkei hatte die Familie moderner gelebt.
In der Hauptschule kam er in eine Auffangklasse, in der Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters erstmal Deutsch lernen mussten. „Ich habe gemerkt, das bringt nichts, weil das Tempo so langsam ist“, erzählt Akbulut. Also besuchte er Sprachkurse an der Volkshochschule. In den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern gehörte er zu den Klassenbesten.
So begann sein Aufstieg in der deutschen Gesellschaft. Er machte auf der Gesamtschule die Mittlere Reife und das Abitur. Dann studierte er an der Fachhochschule in Bochum Mechatronik. „Ich wollte studieren, um kein Arbeiter zu werden, wie mein Vater“, sagt er.
Sein Studium finanzierte er als Taxifahrer, Zeitungsausträger, Nachhilfelehrer und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. In seinen Augen herrscht Chancengleichheit in Deutschland. „Wenn man sich bemüht, kann man hier etwas erreichen.“
Seit Ende des Studiums vor sieben Jahren arbeitet Akbulut in der Entwicklungsabteilung der Firma Bosch – erst in Schwieberdingen, dann in Abstatt bei Heilbronn. Seine türkischstämmige Frau lernte er in Frankreich kennen. Das Ehepaar hat zwei Kinder.
Akbulut hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, obwohl er sich als Türke versteht und ein Großteil seiner Bekannten Türken sind. „Ich fühle mich nicht als Deutscher, weil die Deutschen mich nicht als Deutschen sehen“, erklärt er. Für seine Arbeitskollegen wird er Türke bleiben, das spürt er. „Selbst wenn ich mit ihnen in die Kneipe gehen, Bier trinken und Schweinefleisch essen würde – als Kumpel würden sie mich nie akzeptieren.“
In seinen Augen sind sowohl die Deutschen als auch die Türken eine verschlossene Gesellschaft. Deshalb bemühe er sich, als Türke auf die Deutschen zuzugehen. Er arbeitet für den Ludwigsburger Verein für soziale Zusammenarbeit, Dialog und Integration. Und er setzt sich für ein gutes Verhältnis zu seinen deutschen Nachbarn ein. „Ich wünsche mir, dass die Leute offener sind und miteinander diskutieren“, sagt er. Die Menschen sollten aufeinander zugehen, sich Fragen stellen und nicht alles glauben, was in den Medien verbreitet wird.
Seiner Meinung nach wird in Deutschland oft Angst gegen die muslimischen Mitbürger geschürt. Der mediale Fokus auf den Terrorismus und die Bilder der islamischen Kämpfer hätten der Integration in Deutschland sehr geschadet.
Aber auch die türkische Gemeinschaft habe Fehler begangen. „Viele türkische Eltern haben keine hohe Bildung und auch kein Verständnis dafür. Sie wollen, dass ihre Kinder schnell mit der Schule fertig sind und Geld verdienen. Sie denken sehr kurzfristig“, meint Akbulut.
Für seine Erfahrung als Migrant hat er ein schönes Bild gefunden: „Am Anfang gibt es viele Schwierigkeiten, man ist in einem dunklen Tunnel – das Ende und das Licht erreicht man nur, wenn man fleißig ist.“

Christian Walf
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