LUDWIGSBURG | 18. Dezember 2008

Von der polnischen Ostsee auf den Weihnachtsmarkt

Kolberger Luft zieht während des Barock-Weihnachtsmarktes durch die Kirchstraße. Denn dann schlagen die Chodakowskis aus Polen wieder ihre Bude in der Fußgängerzone auf. Und grillen über offenem Feuer frische Makrelen und Forellen.

Bild: Alfred Drossel

Anette und Marcin Chodakowski sind gewissermaßen Missionare: Seit Jahren versuchen sie, den Ludwigsburger Weihnachtsmarktbesuchern frisch gegrillten Fisch schmackhaft zu machen. Jetzt – im fünften Jahr – läuft das Geschäft richtig gut. Die Jahre vorher waren zäh. Zu tief drin sitzt eben der schwäbische Heißhunger auf eine gegrillte Wurst, gepaart mit einem dampfenden Glühwein in der Tasse.
Doch dort, wo die Chodakowskis herkommen, denkt beim Grillen keiner zuallererst an die Wurst. Im polnischen Städtchen Kolberg an der Ostsee wird Fisch gegessen – vor allem frisch vom Grill. Und der Duft der Fische überm Holzkohlefeuer zieht durch die Straßen: „Im Winter riecht die ganze Stadt so“, erzählt Marcin Chodakowski.
Der 34-Jährige entstammt einer alten Fischerei-Familie und hat die Bude für den Weihnachtsmarkt selbst gezimmert. Die Accessoires – zwei alte Bullaugen etwa oder die alte Lampe – stammen von ausrangierten Schiffen. Und auch der Grill ist eine Eigenkonstruktion. Auf Holzstäben hängen die Makrelen und Forellen über dem Feuer. Nur der Lachs – der wird auf eine Holzplatte genagelt, bevor er übers Feuer kommt: „Das ist eine skandinavische Spezialität.“
Das Rezept für den Lachs stammt nicht – wie die Gewürzmischungen für Makrele und Forelle – von Chodakowskis Großmutter. Das hat der 34-Jährige ein paar Bewohnern eines finnischen Dorfes abgeschwatzt – „nach wie vielen Runden Wodka, das weiß ich heute nicht mehr“, erzählt er augenzwinkernd.
Und der finnische Lachs kommt bei den Ludwigsburgern offenbar besser an als die polnische Makrele. „Das wird am meisten gegessen“, erzählt Anette Chodakowski. Ihr Mann tippt, dass sich viele nicht an das Zerlegen des Fisches trauen: „Die Leute haben Angst vor Gräten“, sagt er. Wobei er Neulingen gerne beim Zerlegen der Makrele hilft.
Doch so langsam kommt der Ludwigsburger wohl auf den Geschmack: „Immer mehr Leute nehmen den Fisch mit nach Hause“, erzählt das Ehepaar, das während des Weihnachtsmarkts eine Wohnung in der Weststadt anmietet. Mit dabei: Die Mutter von Marcin Chodakowski. Sie ist so etwas wie die gute Seele in der Bude. Wirkt im Verborgenen, spült, putzt und bereitet vor.
Denn ihr Sohn und seine Frau haben während des Weihnachtsmarktes ohnehin genug zu tun. Jeden Morgen fährt Marcin Chodakowski zum Großmarkt und holt frischen Fisch. „Den aus Kolberg zu importieren, wäre viel zu aufwendig“, bedauern die beiden – auch wenn ihnen das am liebsten gewesen wäre. „Der Fisch unserer Heimat schmeckt einfach am besten.“
Eine weitere Spezialität aus Kolberg konnten sie aber den Ludwigsburgern nicht schmackhaft machen: Glühbier. Drei Jahre lang hatten sie das Gebräu im Angebot – aber die Ludwigsburger wollten einfach nicht probieren. Immer wieder hörten die Chodakowskis den Spruch: „Ich bin doch nicht krank!“ Denn der Schwabe trinkt warmes Bier nur zum Ausschwitzen einer Grippe.

Katja Sommer
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