LUDWIGSBURG | 13. September 2008

Zwölf Steine gegen das Vergessen

Mehrere Millionen Menschen wurden Opfer der Nazis. Das sind Millionen von Einzelschicksalen, die keiner kennt. Mit sogenannten Stolpersteinen erinnert man seit ein paar Jahren in vielen deutschen Städten an einzelne, oft völlig unbekannte, Opfer. Auch in Ludwigsburg wird es bald zwölf dieser Steine geben.

„Es geht uns um jeden einzelnen Menschen“, sagt Jochen Faber. Vor gut einem Jahr kam der Ludwigsburger auf die Idee, die Stolpersteine in den Gehwegen seiner Heimatstadt verlegen zu lassen. Auch hier soll an das Schicksal der Ermordeten erinnert werden. Faber hat eine Gruppe von Interessierten gefunden: Schüler, Studenten und Ruheständler. Gut 30 Leute waren es am Ende. In den letzten Monaten hat die Gruppe mit Hilfe von Akten zwölf Schicksale aufgearbeitet – darunter die zweier jüdischer Familien, eines Kommunisten, und eines Sinto. Für diese Menschen werden am Samstag, 27. September, zwölf Stolpersteine vor ihren ehemaligen Wohnhäusern in Ludwigsburg verlegt.
Seit Mitte der 90er Jahre wurden in über 300 deutschen Orten mehr als 10 000 dieser Steine auf Gehwegen und Plätzen in das Pflaster eingelassen. Jeder dieser Steine steht für das Schicksal eines im Dritten Reich deportierten und getöteten Menschen. Auf jedem dieser mit Messing überzogenen Pflastersteine steht geschrieben: Hier wohnte . . ., dann folgen Name, Geburtstag, Todesort und wenn bekannt, das Todesdatum des Opfers. Verlegt werden sie von dem Künstler Gunter Demnig, der jedes dieser Mahnmale selbst entwirft.
Nach den ersten zwölf Steinen in Ludwigsburg soll es weitergehen. „Es ist kein Ende abzusehen“, sagt Faber. Noch warten unerforschte Schicksale auf die Gruppe. „Die Aufarbeitung ist ein schmerzhafter Prozess“, erklärt Faber. „Man hätte einer von ihnen sein können. Einer von denen, die so bösartig umgebracht wurden.“
Die Stolpersteine sollen seiner Meinung nach eine Erinnerung an das Unfassbare sein. Obwohl sie klein seien, fast demütig und sich dem Betrachter nicht aufzwingen, sind sie einfach immer da, sichtbar auf unseren Straßen. Für Faber sind die Stolpersteine „eine Orientierung und eine Mahnung für unser Verhalten“.
Bevor die Steine verlegt werden, sollen in der Nachbarschaft der Orte Broschüren verteilt werden. Darin ist eine Karte von Ludwigsburg, auf der die Adressen markiert sind. Auch alte Bilder der Opfer sind abgedruckt. Auf manchen lächeln die Menschen, fein gekleidet, in die Kamera. Das Grauenhafte konnten sie damals nicht einmal erahnen.

Christian Walf
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